Gestern traf ich auf eine Flugbegleiterin einer bekannten deutschen Fluggesellschaft - nicht in der Limousine, sondern beim Jauchen in der herrlich knochenwärmenden Sonne in einem wahrlich paradiesischen Naturgarten.
Sie stand unter erstaunlichem Termindruck, da sie nur noch wenig Zeit hatte bis zum nächsten Abflug. Etwa 5 Tage jetten - Übersee, innereuropäisch, hin und her und her und hin.
Zunächst wußte ich gar nicht, welches ihre Profession ist und wunderte mich nur, wie mensch soviel Hektik und Terminstress mit ins Paradies bringen kann. Als sie gar ihre Armbanduhr ablegen mußte - wegen des Ankommens und der daraufhin anstehenden Arbeit mit den Pflanzen - wurde sie spürbar noch nervöser. Es änderte sich, als wir uns in die Brennesseln begaben, die die Gabe haben, mittels ihrer sehr feinen brennenden Härchen die meisten von uns doch nochmal in den Moment zu bringen.
Diese ins Paradies mitgebrachte Hektik war für mich eines von zahlreichen Sinnbildern unserer Unkultur - in der soviele glauben, daß das Leben von irgendeinem Termin abhängt. Und eine Erinnerung daran, wie privilegiert mein derzeitiger Job ist: Ich bin einfach immer dort, wo ich gerade bin. Und irgendwann - geht´s halt weiter. Wohin weiß ich (meist) nicht, muß ich auch nicht wissen und ist mir wurscht - außer, daß ich natürlich längere Strecken favorisiere.
Ich habe oft Fahrgäste, die aus der Eile heraus in die Limousine fallen, weil sie verschlafen haben und gerade noch einigermaßen pünktlich zur Arbeit, zu einem Termin oder zum Anschluß an das nächste Verkehrsmittel gelangen wollen. Fast jedesmal bin ich dankbar, daß dieser unsinnige Stress in meinem derzeitigen Broterwerb so gut wie hinfällig ist.
Inzwischen habe ich wohl ein paar Hunderten dieser Gestressten auf ihren Fahrten zum ersehnten Ziel mitteilen können, daß sie gleich noch in Ruhe lecker Kaffee trinken und bei Bedarf essen gehen können - da wir sehr gut in der Zeit liegen.
Ich frage also diese terminfixierte Frau, die ihren persönlichen Terminstress ins Paradies mitbringt und von der ich noch gar nicht weiß, daß sie Fliegende begleitet - ob sie sicher sei, daß sie gleich fliegen wird? Wegen den lustig-klingenden isländischen Vulkanen? Doch - sie ist sicher. Dachte erst, sie sei Geschäftsfrau - da sie sich auch so darstellte - sie sagte, sie sei Geschäftsfrau und habe bereits die ganze Welt gesehen - Europa sei am schönsten, meint sie - und sie habe ständig mit Managern zu tun. Es klärt sich so: Sie bedient die Business-Class. Und sie berichtet, daß diese Typen in der Tat immer heftiger werden. Paßt natürlich gut zu den aktuellen "Wichtigwichserwellen" in den öffentlich-hysterischen Medien.
Ich denke bei mir: War das denn nicht immer so, daß die vermeintlich Herrschenden angesichts des bevorstehenden eigenen Untergangs nochmal so richtig die Sau rausgelassen haben? Also nochmal mehr als vorher eh schon.
Jedenfalls - und das will ich wissen - hatte sie vergangenes Jahr eine Woche Extra-Urlaub in Hongkong und sogar ihren Partner dabei, als die berüchtigte Vulkan-Wolke alles lahmlegte.
Diesmal - freut sie sich schon auf einen längeren Stop im Mittelmeer bei guter Küche - falls die Wolke wieder für Sonderurlaub sorgt. Ich gönne es ihr von Herzen.
Donnerstag, 26. Mai 2011
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