Mittwoch, 13. Juli 2011

Was Euch nichts angeht

"Sie sin ävver nit joot drop!!" (Sie sind aber nicht gut drauf!) - sagt die krass ächzende, quietschende, stöhnende Frau zu mir, die ich vor einem Geschäft in der sehr belebten Einkaufsstrasse abhole. Ich halte glücklich auf einem freien Platz direkt davor und sehe sie schon langsam auf mich zurollen bzw. -walzen, also ihren Körper und den Enkauf, während sie sich noch die "Schnüss am Schwaade es" - sich unterhält mit einer Bekannten. Ich nehme ihr die Sachen ab und lege sie in den Kofferraum  der Limousine, welchen ich bereits mechanisch per Zug über einen Hebel in der Fahrertüre geöffnet habe. Das ohnehin stark schnaufende Wesen läßt sich nun sehr stark schnaufend auf den Beifahrersitz fallen ... "Un wie kräjen isch jetz de Düür zo? Isch han nämlich d´r Arm gebroche gehatt...."  (Und wie bekomme ich jetzt die Tür zu - ich hatte nämlich den Arm gebrochen...) Ich lasse einmal gepresste Luft ab aufgrund von wiederholter Genervtheit an diesem Tage, hebe meinen Hintern erneut aus der Limousine - gehe herum und schließe die Tür.
Lasse mich auf dem Rückweg hinter´s Lenkrad fallen und vernehme "Sie sin ävver nit joot drop."  (s.o.)
Ich denke ruhig und entschieden: "Das geht Dich  überhaupt nichts an, wie ich drauf bin (solange ich hier meinen Job professionell mache - und das tue ich ja), du gutgelaunte Dampfwalze!" und sage nur "Wohin fahren wir?".  Aha .... gut. Ich rede nicht weiter- sie schnauft heftig weiter und versucht nur noch einmal sehr kurz, mir einen an die Backe zu labern.  Sie ist nicht die erste heute. Und - meistens sind es Frauen, die mir ihr Leid ungefragt und ungebeten an die Backe  labern wollen. Oder sich "einfach nur nett unterhalten wollen" - nichts weiter merkend. Ich bin an diesem Tag weit entfernt von "Gefälligkeits-Smalltalk" und mental mit ganz anderen Themen beschäftigt. Vorher kam schon eine dieser Damen, die sich "einfach  nur nett unterhalten wolen" und biss bei mir auf Granit.
Zu meinem eigenen Wohl bin nicht schon lange nicht mehr "nett" - und dazu kommt eine Menge Routine - auch, was diese schleimige Art von  "netten Unterhaltungen" betrifft.
Schon lange bin ich nicht mehr zuständig dafür - daß Leute unterhalten werden wollen während der Fahrt - nur, weil sie denken, daß TaxifahrerInnen redselig und unterhaltungssüchtig seien. Schon lange bin ich auch kein Müllabladeplatz mehr für ihre tragischen und/oder Krankheitsgeschichten, die sie einem schnell noch entgegenschleudern wollen. Diese - die nichts merken - stoßen bei  mir auf Granit. Und das ist gut so. Früher hatte ich tatsächlich noch so etwas wie ein schlechtes Gewissen, wenn ich un-freund-lich war. Heute weiß ich gut, daß ich solche Freund-lich-keiten nicht will.
Diese anstrengende "Dame" mit ihren meinerseits unerfüllbaren Erwartungen an eine "nette Unterhaltung" ("Mit Ihren  Kollegen unterhalte ich mich immer sehr nett." ....) geht mir einfach  nur auf den Senkel mit ihrer aufdringlichen Oberflächlichkeit. Ich sage nichts ... auch das habe ich gelernt inzwischen.
Sie redet weiter und meint "Wenn Sie nicht mit mir reden wollen, müssen sie es mir nur sagen." Ich - sage nichts - und denke über diese erstaunliche Aufforderung nach. Ich rede doch schon nicht mit ihr - warum also sollte ich das nochmal sagen? Das wäre doch verrückt.
Sie erträgt das Schweigen nicht und - nachdem ihr Leidklagen bei mir alles andere als gefruchtet hat - kommt nun die Frage an mich "Geht es Ihnen nicht gut heute ?" Sie ist wirklich unmöglich - und ich höre nur, wie es aus meinem Mund tönt: "Es ist alles wunderbar!" Jetzt - ist endlich Ruhe. Hallelujah ...
Von beiden Nervensägen bekomme ich sogar ein nettes Trinkgeld.
Das ist das Beste in der Limousine: Einfach bei mir bleiben. Mich nicht veräußern. Und schon gar nicht für Geld!

2 Kommentare:

Wildgans hat gesagt…

für deine art der erkenntnisse brauchen manche jahre therapie...

Sati hat gesagt…

Haha! Habe ich schon hinter mir ... Die Limousine ist eine Art Fortführung davon und von anderen Formen der Sinnsuche. Eine Art Praxisraum, wenn mensch so will.