Samstag, 11. September 2010

Abschied nehmen = "Nehmen"


Heute vormittag bekam ich einen Auftrag per Telefon-Rufsäule an einem Halteplatz, der unter anderem eine sehr (sehr sehr) große "Alten-Wohnanlage" bedient. Die Dame am Telefon sagte mir, ich solle bitte zu "Haus S - wie Susi kommen, ich komme direkt runter ... achja, und meine Appartment-Nummer lautet soundso." Alles klar, erwiedere ich, ich bin sofort bei Ihnen. Fahre dorthin - schnell wie immer, also ratzfatz - und bei der Einfahrt aufs Gelände denke ich so leise bei mir "Hier wird viel gestorben".
Fahre Haus "S - wie Susi" am Ende des Geländes an und stelle die Limousine vor die Tür, Motor aus, ist noch niemand da. Die Sonne scheint schon ganze eine Weile und ich ziehe ein T-Shirt aus in der Zwischenzeit, es wird heiß heute. Eine Dame kommt nach Hause, wir wechseln ein paar Worte ... ich warte erstaunlich geduldig. Gehe auch noch zweimal mal klingeln bei der Appartment-Nummer ... und denke dann bei mir "Scheiße, schon die zweite Fehlfahrt heute morgen".  Nach einer angemessenen Weile - es kommt wirklich niemand - gebe ich die Fehlfahrt auf mein Display und fahre zurück zum Halteplatz.
Dort klingelt nach ein paar Minuten wieder das Telefon an der Rufsäule - und die gleiche Dame ist wieder dran. Sie fragt mich sofort, ob ich auch die gleiche Dame bin wie vorhin. "Ja - bin ich. Ich war vorhin bei Ihnen, Frau Schatz (Name geändert) - und habe eine Weile auf sie gewartet."
Ja, es tut ihr leid, sagt sie - aber ihre Nachbarin ist eben gestorben. Und sie sei ja froh, daß sie mich wieder erwische, weil sie mir doch meine vergebliche Anfahrt vergelten möchte. Süß - denke ich. Und sag ihr, daß ich gleich wieder da bin.
Als ich zum "Susi-Haus" komme, winkt sie mir schon mit ihrem Stock zu. Eine etwas hutzelige Frau, gebeugt und mit Rollator - aber auch mit viel lebendiger Energie, etwa Mitte 80.   
Die eben verstorbene Nachbarin kennt sie schon ewig lange .. noch aus ihrem Berufsleben. Und gerade zuvor war halt die Ärztin da, die den Tod festgestellt hat - und die hat sie aufgehalten. Eigentlich wollte sie lieber dem Tod entfliehen und hat auch gesagt, daß sie nun runter zum Taxi muß - aber die Ärztin hat sie zurückgehalten und ihr gesagt, sie solle nun erst einmal zu dem Sohn der Verstorbenen kommen, der dort saß und fürchterlich geweint hat. Sie fügt hinzu "Die wollte gerne selber weg und wollte, daß ich mich kümmer. Aber ich kann das nicht. Ich muß dem Tod immer mal wieder entfliehen dort. Mit dem Taxi."
Ja, sage - das glaube ich gern.
Sie sagt "Wir sind die Kriegsgeneration. Es ist jetzt an der Zeit für uns, wir sterben jetzt halt alle weg."
So ist es.
Die Frau erinnert mich in ihrer sehr klaren, offenen und resoluten Art - also vom Temperament - an eine verstorbene Tante von mir, die allerdings noch älter war.
Ich denke so bei mir "Hut ab - daß sie sich jetzt nicht umwerfen läßt und nochmal ein Taxi ruft, um das zu tun, was sie tun wollte. Und besonders für die klaren Worte - die zwar auch Angst und Trauer mit rüberbringen - und dennoch beklagt sie sich nicht mit einem Wort, berichtet nur." 
Sie wechselt das Thema, nimmt mich ins Visier und meint, daß sie meine vielen Ohrringe sehr hübsch findet. Und die langen Haare gefallen ihr auch. Wir lachen zusammen. Es geht gar nicht um Worte, es geht wie so oft ums zusammen Lachen und ein paar Augenblicke. Sie will nur zum Supermarkt um die Ecke - muß dringend Schokolade kaufen. Am Samstag vormittag. Wir wissen beide - daß sie dringend die Lebendigkeit trinken und dem nahenden Tod nochmal ein paar süße Momente abringen will. So sagt sie es auch - sie weiß, daß sie bald dran ist und nichts mitnehmen kann, also fährt sie halt gerne mit dem Taxi raus, um dem allseitig räumenden Tod in diesem großräumigen Ghetto nochmal für eine Weile zu entkommen.
Sie berührt mich, die Frau Schatz - mit ihrem starken Temperament. Heute abend - war sie sofort wieder bei mir - als ich Feierabend hatte. Mental. Würde sie gerne nochmal fahren und ein bischen mit ihr lachen.
Zum Abschied sagt sie - ich soll mir noch ein paar Ohrringe anschaffen .... und ich sage ihr, sie soll auf jeden Fall ihren Humor behalten, egal, was kommt. Sie meint, das sei Galgenhumor
Das ist aber egal - lieber du hast einen schönen schwarzen Galgenhumor, als keinen. 
Und besser, du lachst über dich selbst, als über nichts und niemand.
Und noch besser - du kannst auch ganz alleine mit dir lachen über dieses Leben - und darüber, wie verrrückt du bist.
Danke an die süße Frau Schatz - für die starke Lektion in Sachen Schnitter heute mal wieder .... und Schokolade .... gibt es sicher gaaanz feine hinter den Toren des Schnitters.

Keine Kommentare: