Gestern vormittag habe ich mal wieder auf mein Glück vertraut und mich entschieden, einfach an der äußeren nordöstlichen Peripherie der Kolonie zu verbleiben, nachdem ich eine Kundin ein wenig außerhalb abgesetzt hatte. Hatte keine Lust, den weiten Weg Richtung Herz leer zurückzufahren. Außerdem erfahre ich mir so immer mal wieder ein paar noch unbekannte Wege und Strassen. Recht schnell bekam ich Arbeit - ein alter Mann stand bei der Zieladresse oben im Fenster und wollte, daß ich raufkomme - er könne nicht runterkommen. Oben gab er mir einen Zettel in die Hand, ich sollte in einer Bäckerei 6 Croissants für ihn abholen und eine recht anspruchsvolle Zeitung in einem anderen Laden. Die Bäckereiadresse lesend, frage ich ihn kurz zweifelnd, wieso er bitte die Croissants aus Bergisch-Gladbach geholt haben möchte - und nicht etwa aus seinem Viertel? Er behauptet, die wüßten dort Bescheid, hat extra einen Namen für mich notiert von einer Dame dort im Geschäft. Ich denke mir "Gut." Habe mir im Laufe der Jahre abgewöhnt, für Andere denken zu wollen. Er ist zwar alt, unbeweglich und sieht nicht mehr gut - aber er läßt sich eine FAZ von mir bringen - blöd wird er also nicht sein. Ich mache mich auf den Weg ....
Die Bäckerei liegt mitten in der Fußgängerzone, der Navi meldet "Sie haben ihr Zielgebiet erreicht" - sehr witzig - ich finde sie recht zügig per pedes, nach zwei Drehungen ums Zentrum mit der Limousine, die ich nun am Ende eines Halteplatzes für einheimische Kollegen abstelle. Die Frau in der Bäckerei - ist ebenso verwundert über die Bestellung wie ich. Nein, sie kennt ihn nicht, den alten Mann. Und ich dachte - er ist vielleicht ein ehemaliger Stammkunde. Seltsam. Und doch nicht meine Angelegenheit. Die mit der Zeitung - kennen ihn. Ich fahre zurück - mit 6 Croissants aus der nächsten kleineren Stadt - und einer Zeitung aus dem "Veedel", in dem es den gleichen Bäcker auf der Ecke auch gab. Macht 24,50 Euro - Fahrtkosten. Der alte Mann erwartet mich bereits hinter seinem Fenster im 2. Stock und freut sich über die Lieferung. Er gibt mir 30 Euro. Hatte mir ein schönes Trinkgeld versprochen zuvor. Bis zum nächsten Mal dann, sagt er.
So - lasse ich mir den Job gefallen. Früher hätte ich versucht, ihm zu erklären, daß er das doch alles viel günstiger haben kann - heute weiß ich, daß das Leben einfach nicht logisch ist - und gar nicht sein will. Ich lasse mich also gerne auf diese Weise "sponsern". Unten denke ich - er steht sicher am Fenster und winkt zum Abschied. Als ich hochschaue - steht er am Fenster und winkt zum Abschied. Ich winke zurück.
Heute morgen - erklärt mir eine junge Frau an der Taxirufsäule über´s Telefon, daß sie auf dem Weg in eine andere Stadt die Tasche mit den Trikots für ein Auswärtsspiel ihres Sohnes und seiner kompletten Mannschaft zuhause vergessen hat - ihre Mutter würde gleich zur genannten Adresse kommen und mir die Tasche geben - die ich dann ans andere Ende der Stadt zur Autobahnauffahrt bringen soll. Ich stehe im Regen - und sie erklärt alles sehr genau und ausführlich, damit es auch wirklich klappt - während ich nasser werde. Aber wieder eine nette Fahrt am Morgen, danke.
Sonntag, 5. Dezember 2010
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