Samstag, 3. September 2011

Erfolgreiche Begegnung mit völkerverständigtem Freudentanz

Wenn die Zwillingssonne nicht in die Ferne reisen kann - kommt die Ferne eben zu ihr und bringt ihr kleine Abenteuer mit, die es zu bestehen gilt.
Ich fahre den Halteplatz an der Oper an, ein Kollege steht vor mir und direkt neben dem Halteplatz, auf einer sehr stark befahrenen Hauptverkehrsader der Kolonie, steht ein langer und sehr hoher Sattelzug mit Warnblinkanlage. Ein Orientale steht beim Kollegen am Fenster und es sieht aus, als fragt er diesen nach einem Weg. An den Handzeichen des Fragers sehe ich, daß er den Kollegen als Lotsen engagieren will. Scheint der LKW-Fahrer zu sein. Auha .... Der Kollege - ein alter Hase - steigt aus und kommt zu mir. "Der will in die Dingensstrasse und will gelotst werden, aber der kann ja nicht einmal deutsch. Und ich mache sowas nicht mehr ...."   "Ja" antworte ich, "das kenne ich. Ich habe auch mal einen LKW gelotst und am Ende mußte ich mit dem um den kompletten Autboahnring, um in das Viertel zu gelangen." Der Kollege und ich schließen uns gemeinsam kurz, wo es eventuell klappen könnte. Hier liegt die Betonung ganz eindeutig auf "könnte", mit viel Glück. Der Kollege bekommt eine Fahrt - ich kümmere mich weiter um den Fahrer, dessen Sattelzug 4 Meter hoch ist - und damit bleibt er in der Kolonie alle paar Hundert Meter vor einer zu niedrigen Brücke hängen. Ich bekomme auch eine Fahrt in diesem Moment - und muß entscheiden, ob ich wirklich Lust habe auf einen solchen Stunt. Ich gebe dir Fahrt weiter ....
Ich frage ihn, wo er herkommt. Aus Marokko. Wow, denke ich, ganz schön weite Strecke - und jetzt bleibt er kurz vor seinem Ziel hier hängen.Kurz überlege ich, ob ich nicht lieber mal via Zentrale nach einem marrokkanischen Landsmann funken lasse wegen der Sprache .... aber wir verstehen uns ganz gut - auch ohne deutsch, ohne englisch. Geht doch. Mit Händen, Füßen, Augen, Kopfbewegungen .... Ich schreibe ihm auf, wieviel Euro ich für´s Lotsen von ihm bekomme. Er gibt sie mir gerne.  Um ihn erst einmal wieder in die richtige Fahrtrichtung zu bringen, muß er mit mir ums Karree, durch sehr enge Strassen, gerade heute am Samstag sehr belebt. Aber das - macht ihm nicht wirklich etwas, denn das sind erstaunlich gute  Fahrer, ja, manchmal geradezu Akrobaten, wie die diese Riesen-Fahrzeuge durch enge Räume manövrieren. Da ich damals schon mal einen Fahrer aus Osteuropa gelotst habe, kann ich in etwa einschätzen, ob er den Drahtseilakt meistern wird, den ich ihm zumute, oder besser nicht. Er meistert das mit Links. Die junge Frau fällt mir wieder ein, die ich beobachtete, wie sie ihren großen LKW mit Hänger - das ist wieder eine andere Nummer - rückwärts aus einer sehr engen Einbahnstrasse manövrierte, ohne mit der Wimper zu zucken. Chapeau! Heute fiel mir nach langer Zeit auch wieder ein, daß ich mal in der Branche gelernt habe, Speditionskauffrau, vielleicht daher auch ein wenig "Zugang".

Die Einkaufsmeilen der Innenstadt haben wir locker hinter uns gelassen. Ein bischen Bammel habe ich - vor der ersten Unterführung, an die wir gelangen werden. Es ist eine Art magische Schwelle für das Gelingen der ganzen Aktion. Und vor allem: Wenn er da nicht durchkommt, steht er ganz blöd da und kann nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Vor der magischen Schwelle bremse ich ein und mache die Warnblinkanlage an. So tut er es. Ich zeige ihm die Unterführung und frage ihn, ob er da durchkommt? Wie hoch die sei? Keine Ahnung, ich gehe mal gucken ... ich laufe hin - und kein Schild weist auf die Höhe.
Ich resigniere, leicht frustriert, gebe ihm sein Geld zum Großteil wieder  und sage ihm, daß ich nun die Polizei anrufen werde, damit sie ihn rückwärts rauslotsen, indem sie kurz die Strasse absperren. Tue ich auch - der Beamte nimmt das auf und meint, es könne aber dauern, sie hätten heute viel zu tun. Ich erkläre das mit Händen und Augen und Gesten dem geduldigen Marrokkaner. Der - gibt mir mein Geld wieder zurück und gibt nicht auf - er geht jetzt selbst mal gucken. Ich soll ein Auge auf seinen LKW haben .... läuft zum Tunnel, kommt zurückgelaufen und meint "Ja, das wird gehen." Läuft um sein monströses Gefährt herum, nimmt irgendwelche großen Radabdeckungsteile runter und schafft so nochmal einen Spielraum von etwa 20 cm, die er an Höhe ablassen kann mittels Hydraulik Wow! Ich freue mich wie eine Königin, er freut sich ebenso - und es geht weiter. Die Polizei informiere ich, daß sich das erledigt hat - die freuen sich auch.

Jetzt geht es auf die Stadtautobahn raus und mir wird fast übel, als ich die erste Unterführung erblicke, da hängen sogar noch irgendwelche Extrateile oben dran, damit sie niedriger ist, als sie ist ....  Das ist wirklich schwer abzuschätzen ohne entsprecheden Routine, ob das jetzt paßt. Es paßt. Ich gebe Gas, um im Rückspiegel zu beobachten, wieviel Spelraum da jetzt noch ist zwischen Sattelzugspitze und Tunneldecke.  Viel ist es nicht - aber es paßt. Hurra! Dann - wird es auch mit den anderen Brücken auf der Autobahn klappen. Ja, es klappt.
Noch ein Knackpunkt ist zu meistern, er kommt nach der Abfahrt. Ich rufe Allah an - er möge uns durchlassen durch die letzte Unterführung - Allahu akbar. Ja, die Götter sind einverstanden.

Der Rest - ist ein Kiinderspiel und selbst die Zielstrasse ist breit genug, daß er um die Ecke kommt mit dem Teil. 
Angekmmen - steige ich aus und werfe die Arme hoch, so wie mensch es tut, wenn er zum Beispiel einen Wettkampf gewonnen hat. In diesem Fall haben wir den Wettkampf gegen die Kölner Infrastruktur gewonnen.

Der Mann aus Marrokko ist ebenfalls sichtlich erfreut und noch mehr erleichtert. Dem fällt regelrecht ein Stein vom Herzen - und mir auch. Ein ganz anderes Universum mit so einem Sattelzug! Vor llauter Erleichterung und Freude über die gelungene Aktion fallen wir uns kurz lachend in die Arme und er bedankt sich tausendmal. Ich bdanke mich auch - denn ich freue mich, jetzt eine gute Lotsenroute für LKW´s zu wissen - sofern sie noch ein wenig absenkbar sind. Werde dem Kollegen, der sowas nicht mehr machen will, demnächst berichten, daß die Strecke etwas taugt.

Der Mann aus Marrokko fragt mich, ob er wohl in dieser Strasse stehenbleiben könne - ich antworte einfach mal mit Ja, denn es ist eine ruhige Sackgasse, in der im Grunde kaum jemand etwas zu tun haben wird am Wochenende. Er hat jetzt zwei Tage Zeit, denn er wird erst am Montag bei der Firma (ab)laden können. Morgen bin ich zum Kaffee eingeladen.
Ich schreibe ihm noch ungefragt eine Quittung, vielleicht bekommt er ja die Euros wieder - und steige nochmal aus, um ihm diese zu geben. Er steigt auch nochmal aus, um mir ein Geschenk zu bringen. Es ist wirklich pure Freude.
Ein Dritter, der in diesem Schauspiel zwischen Sattelzug und Limousine eingeklemmt ist, schaut sich das alles seelenruhig an, ohne jegliche Ungeduld. 

Für mich ist es so eine Art "Kurzurlaub", eine Gelegenheit, wieder einmal zu erleben, daß es auch ohne viele Worte eine Art "Grundverständigung" zwischen Menschen gibt. Diese funktioniert über Präsenz, Interesse, Aufmerksamkeit, Mimik und Gestik, Augenblicke, Ausdruck von Emotion .....
Und ich freue mich, mich ein wenig revanchieren zu können für die Freundlichkeit, die ich so oft fernab von zuhause erleben durfte mit den Menschen vor Ort.  Dieser Mensch - wird ab heute mit Sicherheit eine gute Erinnerung an "Deutschland" haben, die er zuhause erzählen kann. Und ich - will sowieso schon immer mal nach Marrokko ....ich werde mich seiner Geduld erinnern und seiner Freundlichkeit - und so kann ich es dort vor Ort ebenfalls wieder antreffen. Übrigens - sagte er noch, wir seien beide sehr gute Fahrer. So isses.
Salem aleikum - Aleikum salam ....

4 Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Toll, toll, toll - ich hatte gnz kleine Freudentränchen in den Augen.

Wildgans hat gesagt…

Starke Stückchen habt Ihr Euch geleistet- echt was geleistet...auch noch auf der völkerverständigunsfriedens-ebene...klasse.

Sati hat gesagt…

So kompliziert ist es ja gar nicht mit der Verständigung und dem Frieden. Es ist ganz einfach - aber keine Sau glaubt es, wie einfach es ist.

noschoko hat gesagt…

schöne, berührende geschichte! liebsten dank aus wien (hab im geiste mitvollzogen, an welchen unterführungen ihr hier hättet scheitern können...)
u