Manchmal (oft?) fallen die Menschen in die Limousine und beginnen sofort, Dinge zu berichten und zu erzählen, die sie soeben erlebt haben. Sie fragen nicht, ob ich es wissen oder hören will, sie wollen sich einfach ihres eigenen Ballastes entledigen und nicht selten diese Art von Bestätigung bekommen, daß das Leben schlimm sei.
Bei mir gibt es solcherlei Bestätigung nicht. Ja, viele Schicksale scheinen auf den ersten Blick schlimm und schrecklich. Und doch - bekommt jedes von uns das, was es zu lernen hat. Selbst, wenn die Verteilung ungerecht anmutet. Dann gilt es eben zu lernen, daß es nicht ungerecht ist, sondern so, wie es ist. Oder es gibt andere Lektionen. Zu lernen - gibt´s immer was. Und jeder Vergleich - hinkt und führt in die Irre. Jedes von uns - bekommt ein einzigartiges Schicksal. Vermutlich mehrfach bzw. endlos ....
Neulich stieg eine alte Dame bei mir ein, an einem Krankenhaus. Zunächst freute ich mich über ihr Erscheinen, doch nicht lange. Sie hatte ihren Mann besucht, der schon krank genug ist und so Grund genug zur Besorgnis hätte sein können. Das schien aber noch nicht zu reichen - so erzählte sie auch noch unaufgefordert und spürbar aufgeregt die Geschichte von dessen Bettnachbar, der sei ja so arm dran, beide Beine gebrochen, und der hätte niemanden, der sich kümmert. Und jetzt sei auch noch die Polizei da und wolle von ihm wissen, wie was passiert sei ... etc. pp. ....
Ich merke, daß ich innerlich sauer werde, weil die nette Dame überhaupt nicht registriert, daß sie mir gerade mit ihrem ganzen Zeugs meine Limousine vernebelt - ich habe einen langen Tag hinter mir und will gleich Feierabend machen. Die Fahrt mit ihr bringt mir zwar noch ein paar Euronen, bringt mich dafür aber auch in die diametral entgegengesetzte Richtung meines Abstellplatzes, ich werde also noch einen relativ weiten Weg haben. Und sie erzählt weiter vom Leid mir völlig fremder Leute, welches sie selbst gerne energetisch wieder loswerden will, als sei ich gar nicht vorhanden.
Also mache ich mir zunächst diplomatisch Luft - und Luft in der Limousine - indem ich ihr sage, daß es in den Krankenhäusern Menschen gibt, die extra dafür da sind, sich um solche Menschen zu kümmern, und die das sehr gut machen.
"Ja, aber ...." Das ist es, was mich manchmal zornig macht, dieses Festhalten daran, daß es alles sehr sehr schlimm ist.
Ich brause auf und sage, daß ich tatsächlich keine Lust mehr habe, mich mit den vielen Menschen darüber auszulassen, wie schlimm das Leben doch sei. Erzähle ihr z.B. von all den alten Damen, die gerne jammern, wie gefährlich doch alles geworden sei - und wenn ich sie dann frage, wie oft sie denn in ihrem 75-jährigen Leben schon überfallen worden sind, lautet die Antwort meist "Noch nie."
Jetzt - begreift diese Dame, daß sie mich in einer mir sehr unangenehmen Weise "angesprochen" hat und wir wechseln die Themen. Später singt sie mir noch ein altes Karnevalslied aus den 50ern vor, mit einem recht weisen und zuversichtlichem, zeitlosem Text ....
Dienstag, 23. November 2010
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