Montag, 24. Januar 2011

Ehemalige Goldkutschenlenker

In der vergangenen Woche fuhr ich gleich zwei pensionierte Ex-Kollegen.
Einen hole ich während der Möbelmesse in einem Vorort ab, wir fahren zur Bank und anschließend zu einem "Krebszentrum" auf der anderen Rheinseite. Er ist ein sichtbar älterer Herr mit viel Geduld trotz seiner körperlichen Malesten und trotz des schlechten Wetters - ich kam erst nach knapp 15 Minuten bei ihm an, da ich zuvor an einem beschrankten Eisenbahnübergang ausgebremst worden war und "entschuldige" mich gerne dafür. Das ist immer hilfreich, falls die Kundschaft schon innerlich kocht, um doch noch zu einem friedlichen Konsenz zu kommen ... 
Er hat einen ziemlich schmierigen Stoffbeutel dabei und ich denke "Pfui Deivel". An dem Beutel lese ich, daß er alleine ist. Auf dem Weg zur Bank rede ich an einer Ecke mit mir selbst und sage "Ach, da können wir ja auch hier eine kleine Abkürzung nehmen und eine Ampel sparen..." worauf er meint "Neeeee, soviel Zeit muß sein." Na gut, dann eben nicht.
Als er an der Bank aussteigt, registriere ich seine Geldbörse, die er aus dem Beutel kramt, schwarz und breit. Seinen Gehstock läßt er im Auto. Wieder zurück, frage ich ihn mehr scherzhalber, ob er wohl früher Taxifahrer war - wegen seiner Börse.
Ja, war er. 40 Jahre lang. Und gerne.
Nachdem er in Rente war, ist er noch aushilfsweise weitergefahren, sagt er. Bis zu dem Tag, an dem ihn ein Kollege zum Krüppel gefahren hat. Er erzählt mir, wie es dazu kam. Der Kollege ist - auch laut polizeilicher Untersuchung - mit einem ziemlichen Affenzahn über 40 Meter rückwärts gefahren und hat ihn, der gerade kam, mitsamt Limousine wegkatapultiert. Anschließend hat der Unfallverursacher noch in sämtlichen Instanzen versucht, seinen Job zu retten, trotzdem er bereits an dem tragischen Tag 12 Punkte hatte. Das ist nun etwa 7 Jahre her. Jetzt muß er ins Krebszentrum und bekommt die Ergebnisse mitgeteilt. Na, sage ich, dann drücke ich mal feste die Daumen, daß es gut ausgeht. Und "Da haben sie ja in den letzten Jahren einige Aufgaben bekommen." Ja, hat er. Aus dem schmuddeligen Stoffbeutel holt er ein altes, größeres Schwarzweiß-Foto von seiner Frau und zwei Töchtern und steckt es sich als Glücksbringer in die Brusttasche.
Seine ruhige Art hinterläßt Eindruck bei mir. Ich bin manchmal noch - bzw. bei schlechter Tagesform - zu  ungestüm .... obwohl auch mir schon spürbar eine Lederhaut gewachsen ist im Laufe der Jahre.

Gestern hole ich dann einen weiteren "Ehemaligen" aus seiner Kneipe ab, der war Unternehmer mit zwei Limousinen und hat diese noch zu DM-Zeiten verkauft. Ich frage nach den Preisen - er hat 140.000 DM bekommen für beide Lizenzen und Limousinen. Heute legst du locker 80.000 Euro dafür - und verdienst weniger. Aber das ist ein Extraspezialthema ...
Er gehört zu den Exemplaren der Taxigilde, die noch goldene Zeiten erlebten und gut verdient haben. "Do lief et rischtisch joot - ävver jekümt hammer trotzdem all´" (Da lief es richtig gut, aber geklagt haben wir dennoch alle .... )
Auch er - war gerne Taximensch, 25 Jahre lang, und es gibt wieder einmal keinen Zweifel, daß eine der am höchsten zu schätzenden Qualitäten dieses Berufes in der vielgepriesenen "Freiheit" liegt. Ich werfe ein, daß auch diese zwar, zumindest heute, relativ ist - aber sie ist. Immerhin! Freiräume - gibt es sicher.
Ja - es gibt Vor- und Nachteile. Vielleicht mehr Vorteile .... und vermutlich mehr Spaß als anderswo. Und auch bei ihm stellt sich heraus, daß es sich um eine Art "Hassliebe" handelte. Es geht wohl nicht anders und soll genau so sein.

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