Montag, 13. Februar 2012

Der geborene Geschichtenerzähler


Mittags bekomme ich eine schöne Schulfahrt, vier Kinder einsammeln und den weiten Weg nach Hause fahren. Die rettet meinen weiteren Tag. Schon am Mogen fuhr ich zwei sehr freundliche, kleine Menschen zum Unterricht - als es zu schneien begann. Natürlich freuten die sich! Und retteten so bereits meinen Morgen, denn ich mag definitv keine glatten und vereisten Strassen beim Fahren, doch ihr Entzücken und ihr Lied dazu, welches sie sofort anstimmten, waren köstlich.
Eine alte Frau holte ich an der Tür ab, sie hatte große Angst, auf dem Glatten zu fallen, dann sei es vorbei. Aber - wer weiß, wie es morgen aussieht - also wolle sie heute noch raus und einiges erledigen. Sie hakt sich unter und ich muß einen Buckel machen, da sie ziemlich klein ist. Ob sie keinen Rollator habe? Doch, aber mit dem schmiere sie erst recht ab, da geht es mit dem Stock besser. Es ist schon Zenit und nicht mehr glatt, ich kann sie beruhigen. Gleite sie nochmals buckelnd durch die beiden schweren Glastüren ins große Einkaufszentrum - von da an geht sie alleine ihres Weges. Bedankt sich für die Hilfe mit der trockenen Anmerkung "Sonst hauen die einem hier die Tür vor den Kopf." Ja - lache ich - das kann pasieren. Im gleichen Moment drängelt sich ein Eiliger haarscharf an uns vorbei ... Da gehört schon Mut zu, sich in ihrer wackeligen Verfassung in so einen Molloch zu trauen.
Später die Kinder, vier soll ich einsammeln laut Auftrag - es sind aber nur drei. Auf den vierten warte ich noch, will sichergehen, daß ich ihn nicht vergesse und frustriert stehen lasse. Die anderen kennen ihn nicht - also frage ich Erwachsene, die vorbeikommen, ob sie Lehrer seien und erzähle ihnen, auf wen ich noch warte. In der Limousine  tobt derweil das frische Leben .... heute gab es nur eine sehr lockere Regel: Keine Schneeballschlacht im Auto.
Ein Lehrer kann mir weiterhelfen - der Gesuchte habe sich bereits freudig im Vorbeilaufen bei ihm verabschiedet, er fährt heute zum ersten Mal alleine mit der Bahn nach Hause. Ein Kommunikationsfehler. Gut - dann kann ich mich im Falle einer Reklamation in sechs Monaten locker dran erinnern. Der Lehrer bedankt sich noch für meine Geduld und dafür, daß ich der Sache nachgegangen bin. Lustig - der vorherige Fahrgast hat mich vor seiner Apotheke schmoren lassen, bis ich reinging und laut fragte "Dauert das hier länger?" Darauf informierte er das Apothekenpersonal, daß die Taxifahrerin ungeduldig sei .... und so war es auch, als ich ihn da gemütlich im Stuhl sitzen sah mit einem Glas Wasser und im netten Sozialkontakt. Eine Vorab-Information seinerseits, daß er da Medikamente für mehrere Hundert Euro einkauft, hätte mir genügt, um die Ungeduld erst gar nicht hochkommen zu lassen. Aber dieses Schmorenlassen liegt wohl an der irrigen Annahme, daß wir beim Warten sehr viel Geld verdienen würden  De facto - lohnt sich das Warten kaum und meistens steht man derzeit irgendwo im Weg und muß ggf. Knollen abwehren.
Jetzt - war ich also geduldig, soso. So schnell ändern sich die Fremdwahrnehmungen, wie das Wetter.
Im Auto ist es laut, die beiden Jungs erzählen sich, wie toll ihre Väter sind und was die alles arbeiten. Wieviel Geld sie verdienen. Wollen sich übertrumpfen. Das zierliche Mädchen ist leise. Es sind ein gebürtiger Ukrainer, ein französischsprachiger afrikanischer Wirbelwind und ein italienisches, leises Mädchen. Die beiden Jungs bremse ich irgendwann in ihrem wilden Vater-Wettbewerb aus, indem ich anmerke, daß sie bestimmt beide sehr nette Väter haben. Oh ja ....  Einzelne Wörter werden in die verschiedenen Sprachen übersetzt. Alle drei - sehr freundliche Wesen. Dann prahlen die Jungs damit, daß sie schon mit ihren Vätern auf deren Arbeitsstellen waren - und fragen das Mädchen, ob sie denn auch schon mit ihrer Mutter bei deren Arbeitsstelle war? "Nein" sagt diese "da dürfen keine Kinder mit!" - und wenn sie mich doch mitnehmen würde, würde sie wieder ihre Arbeit verlieren und zuhause sitzen. Und dann würde es wieder mindestens zwei Jahre dauern, bis sie eine neue Arbeit bekäme. Die Mutter arbeitet in einer Spielhölle. Und dieses Mädchen von etwa sieben Jahren hinterläßt bei mir einen gewissen Zorn darüber, wie schwer es bereits mitträgt am Elend der Erwachsenen - statt einfach unbeschwert sein zu dürfen.
Ja - beim Vater des afrikanischen Jungen habe es auch sehr lange gedauert, bis der Arbeit gefunden habe. Der Vater des Ukrainiers ist selbstständig. Ich bin baff erstaunt, wie die sich unterhalten über die Dinge, die den Erwachsenen schwer zu schaffen machen - sie haben es wohl aufgesaugt wie ein Schwamm. Saugen die verrückte, gnadenlose Zeit auf. 
Den weitesten Weg hat der Junge mit der Pelzmütze, der vorne auf dem Beifahrersitz sitzt und mir bereits sehr still, aber entschieden noch während des Tohuwabohus zuvor als "Zweitgespräch" ernsthaft die Begebenheiten seiner Geburt mitteilte: Er war gerade mit seinen Eltern auf dem Weg nach Deutschland, als seine Mutter ihn kurz vor dem Verlassen der Ukraine geboren hat. Deswegen - sei er auch ein Ukrainer. "Im Auto?" - "Nein, in einem Krankenhaus in der Nähe der Grenze. Danach - sind wir nach Deutschland gekommen."
Während unserer weiteren Fahrt zu zweit erzählt er mir in allen Details von seinen Sommeraufenthalten bei seiner ukrainischen Großmutter - es ist eine Wonne, ihm zuzuhören. Diesmal interessiert mich nicht nur diese einzigartige Ausdrucksweise, die seinem Wesen innewohnt - er erzählt "innerlich", sein Blick ist nicht allzu weit in die äußere Welt gerichtet, dazu spricht er eher leise, aber doch so aufgeregt, daß er immer wieder Luft holen muß für die nächsten Worte. Und diese sprudeln. Er erzählt mir von einer Welt, in der die Menschen noch Kontakt haben zur Natur, in der nachbarschaftlicher Handel betrieben wird, in der die Menschen ihre selbsterwirtschafteten  Produkte auf den Märkten verkaufen, in der es viel Raum gibt für ihn, große Gärten mit Obst und Gemüse. Wenige Autos nur, mehr Motorräder. Erzählt mir von Tieren, von einem scharfen Wachhund, an dem es vorbeizukommen gilt und der ihn und seinen Kumpel nicht mag. Von freundlicheren Hunden und von einem Kater. Von seiner Mithilfe im Kiosk seiner Großmutter und davon, daß er jederzeit "freien Zugriff" hat auf alles dort. Hier und da frage ich etwas und bekomme eine gute Antwort. Er berichtet, daß er die Preise zusammenrechnet, ganz schnell, noch bevor jemand an der Kasse ist. Rechnet tatsächlich in Windeseile etwas zusammen. Sprungfedern verkauft sie auch. Weil ... die Leute haben noch Sofas und Betten mit Sprungfedern - und wenn eine kaputt geht, dann wird sie ersetzt! Erzählt von seinen Verwandten und was die so tun. Ein Onkel hat Bienen - wie heißen die Leute nochmal? - Imker - Ja, genau. Sie drehen den Honig dann selbst, mit der Hand, denn in der Arbeit mit Maschinen steckt keine Liebe. Eine Tante macht Kleider aus Tierfellen. Apropos Tierfelle - er bindet mir keinen Bären auf, denn jedes Detail paßt ins Bild seiner Erzählungen, auch, wenn ich einmal eine interessierte Frage sttenelle. Ich bedanke mich bei ihm für vielen interessanten Dinge, die er mir da erzählt hat. Es war fast wie eine Reise in das Dorf seiner ukrainischen Verwandschaft. Ich hoffe, der erzählt weiter seine Geschichten, ein echtes Talent!

Und vielleicht - komme ich ja nochmal in die Ukraine ... solange es diese Menschen dort noch gibt. Auch Mariana Sadovska erzählt von diesen Menschen - sie hat dort ihre Lieder gesammelt.

Noch eines für die, die Angst vor Hexen haben: Calling Bird.

Und hier eines der betagten, inspirierenden Originale
Wer seine Lieder nicht mehr kennt .... dem fehlt das Feuer.

Keine Kommentare: