Langsam dämmert es mir - zumindest in letzter Zeit immer öfter:
Dieser Taxi-Job ist mehr als nur ein Broterwerb. Nirgendwo anders hätte
ich solcherart Begegnungen erleben können, als auf der Straße, wo mir
das Leben wirklich alles reinspült. Und nirgendwo sonst - wäre ich so
sicher gewesen, daß niemand Weiteres von mir will - als an sein Ziel zu
kommen. Und das - hat bisher immer noch geklappt. Was sich auf den
jeweiligen Wegen entwickelt oder ausbleibt, ist offen. Und wenn es mir
mal nicht gefällt, habe ich jederzeit die Möglichkeit, eine Grenze zu
setzen und meine Person herauszunehmen bzw. mich eben nicht einzulassen
auf das, was da an Erwartungen im Raum stehen mag. Will ich mich
einlassen - so kann ich auch dies. Niemand schreibt mir vor, was ich zu
tun habe. Ich lerne - Geduld und Gelassenheit. Jeder Tag ist neu. Bin
ich offen dafür, empfange ich reichlich Geschenke, einfach, indem ich
den Menschen zuhöre, ihnen lausche. Bin ich in mich selbst versunken und
daher wortkarg - ist auch dies in Ordnung. Ich kann einfach so sein, wie ich eben gerade bin und muß mich nicht
verstellen oder verbiegen. Viele alte Muster habe ich entdeckt bei mir
selbst im Laufe der Jahre, und einige lösten sich mit der Zeit von
selbst auf. Ebenso reichlich Ressentiments.
Seit einigen Monden
herrscht in der Limousine eine durchweg angenehme Atmosphäre. Niemand
hat mehr versucht, mir die Knöpfe zu drücken. Ich führe dies
hauptsächlich auf zwei Gegebenheiten zurück, sofern das überhaupt
möglich ist: Ich bin selbst ausgeglichener, seit ich umgezogen bin und
wieder ein freundliches Zuhause habe, in das ich mich am Abend
zurückziehen kann. Jeden Tag freue ich mich darüber, abends aus der
Kolonie herauszufahren in die mich umgebenden Wälder und den weiten
Himmel geniessen zu können, mitsamt reichlich Wind und Wetter,
Vogelkonzerten der Extraklasse und "meinen Kühen" vorm Fenster. Das
alles - tut mir sehr gut. Und daher haben auch die eigenen, inneren
Kämpfe und Widerstände nachgelassen. In der ehemaligen "Höllen-Höhle" -
an die ich nur sehr selten denke - fand ich keinen Ausgleich mehr und
keine Ruhe. Seit ich dies hinter mir lassen durfte, bin ich selbst
wieder erheblich gelassener und geradezu stoisch-freundlich. Genieße die
Menschen wieder viel öfter in ihrer Einzigartigkeit. Es braucht nicht
einmal "spektakuläre Geschichten" dazu, manches Mal reicht mir der
Ausdruck - mit oder ohne Worte - so eines Wesens neben mir, um mich zu
erfreuen. Das ist eines der größten Wunder, daß jedes anders ist.
Heute
morgen fiel mir dann plötzlich ein, welche seltsamen Vorstellungen ich
bisher hatte, was "Beziehungen" bzw. "in Beziehung sein" betrifft. Ich
sah, wie reich auch diese kurzen Begegnungen sein können - in manchen
Momenten, bei weitem nicht immer, kann man gar für eine kleine Ewigkeit
in der Stille zusammen sein, in diesem offenen Raum, wo das Leben
einfach völlig in Ordnung ist und nichts weiter gebraucht wird.
Ich
fluche nur noch sehr selten über den Verkehr und über andere
Autofahrer. Nützt eh nix - und bringt nur Ärger in den eigenen
Organismus. Die Wartezeiten sind manchmal noch quälend - doch hier werde
ich eine Lösung finden, um diese besser zu gestalten - muß nur noch ein
wenig Geld generieren. Manche Wartezeit gestaltet sich im Gespräch mit
den Kollegen, mal im Scherz, mal im "Ernst". Viele sehr in Ordnung und
freundlich - manche gar äußerst amüsant. Neulich setzte ich gerne wieder
morgens an einem bestimmten Halteplatz an und traf tatsächlich auf die,
die ebenfalls gerne dort laden. Wir hatten noch ein lustiges Stündchen
zusammen, bevor es dann endlich losging. Am gleichen Tag bremste ich
zwischendurch einige Male ein, um Einkäufe zu erledigen. All das
zusammen - ist manchmal Gold wert. Ich habe viele Jahre einen Fehler
gemacht - und mich allzu sehr auf´s Geld konzentriert. Dieses - kommt
mal mehr und mal weniger rein, das gehört zu den Wechselfällen in diesem
Job. Bisher hat es immer noch gereicht zum ganz guten Leben und um
meine Rechnungen zu begleichen.
Viele Jahre habe ich nicht
gesehen, daß ich schon lange selbstständig arbeite. Ohne Druck von
außen, den muß ich mir schon selbst machen - oder es besser lassen.
Bisher - bin ich noch jedes Mal aufgestanden und habe nicht blaugemacht,
bis auf einen Tag, nachdem ich meinen neuen Mietvertrag unterzeichnet
hatte - und den habe ich dem Geschäftspartner aus eigener Tasche
beglichen, das war es mir wert. Auch habe ich viele Jahre nicht gesehen,
daß ich im Grunde eine Menge "Selbst-Disziplin" mitbringe. Hielt mich
eher für faul und verwöhnt - was ich auch gerne bin, indem ich lieber
das tue, was mir Spaß macht, als aus finanziellen Beweggründen heraus zu
arbeiten. Mit der anvisierten Wartezeiten-Lösung kann ich beides
verbinden.
Ein großes Glück ist auch, daß ich mit einem sehr
netten, korrekten und flexiblen Unternehmer zusammenarbeite. Das ist
nicht zu unterschätzen, da gibt es auch ganz andere Gepflogenheiten in
dem Gewerbe.
Es ist also weit mehr als ein Broterwerb - und nirgendwo sonst hätte ich
diese meine persönlichen Freiheiten und soviel über die Menschen
gelernt - auf diese spezielle, unverbindliche und dennoch manchmal sehr
intime Weise. Fuhr gestern morgen eine Frau, die mir von ihrer
"Psychotherapie" berichtete. Im Kern der Sache - geht es lediglich
darum, mal mit einem außenstehenden und neutralen Menschen über die
Dinge zu sprechen, die sortiert werden wollen. So - wie manches Mal in
der Limousine. Vielleicht schule ich doch noch um, denn inzwischen bin
ich ein wirklich guter, neutraler Zuhörer geworden. In der Regel fernab
von anmaßender Be- bzw. Verurteilung. Und fernab davon, jemanden für
"ernstlich gestört" zu halten.
Seit einigen Wochen bin ich den Göttern wieder recht
dankbar für diese Nische inmitten des ansonsten tobenden Irrsinns und
der zunehmenden Kontrollsucht.
Apropos Kontrollsucht: Heute wird
in NRW an jeder Straßenecke geblitzt und kontrolliert - und ich bin sehr
froh, heute frei zu haben. Die brauchen wohl noch mal Kohle vor den
Sommerferien, die nächste Woche beginnen.
Dann wird es für uns
wieder "spannend" - die Sommerferien können manchmal eine rechte
Zerreissprobe sein, was Geduld und Durchhaltevermögen betrifft.
Allerdings stellte ich mit einem Kollegen neulich fest, daß wir beide im
vergangenen Sommer recht glimpflich und gut durchkamen durch diese
Flautezeit. Kann also auch halb so wild werden.
Langsam dämmert es mir, was mit diesen vielen Sprüchen gemeint ist, die
den Tenor haben "Das Beste draus machen." Das ist wirklich weit
einfacher, als zu meckern und sich unnötig zu ärgern über Dinge, die so
sind, wie sie gerade sind. Mensch muß sich nur oft genug dran erinnern,
um es vielleicht irgendwann zu begreifen.
So werde ich mal meine "Standard-Antwort" neu überdenken, die ich
bislang auf eine eventuelle Nachfrage gab, ob es sich lohne, Taxi zu
fahren. Sie lautete "Nein." und "Tun Sie´s nicht." Richtigerweise müßte
ich etwa sagen: "Es kommt drauf an, was Ihnen wichtig ist. Für Geld
sollten Sie es nicht unbedingt tun. Ansonsten kann man durchaus was
dazulernen."
Dienstag, 3. Juli 2012
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen