Eine alte Frau, die kaum etwas sieht. Aber eine von der Sorte, mit denen ich nur wenig Mitgefühl habe, da ihre Erwartungshaltung mir nicht zusagt. "Wir (!!!) müssen einen Rollator mitnehmen." Ich hole den aus dem Hausflur, sie steht mit Stock an der Haustür. "Sie müssen das so und so machen." Ich erwidere, sie möge sich nicht um mich kümmern, sondern lieber sehen, daß sie gut ins Auto kommt. "Ach - haben WIR (!!!) jetzt die Haustür aufgelassen?" Jaja, mach ich gleich zu. Ich kann sie einfach nicht riechen - literal, denn sie riecht schlecht und muffig.
Im Auto sagt die als erstes zu mir: "Ich bin schon einmal mit Ihnen gefahren ... damals mußte ich ins Krankenhaus, ich hatte doch diese ..... blablabla." Ich denke - ne, meine Liebe, diesmal laberst Du mir keinen Knopf ans Ohr und sage nur "Keine Ahnung. Wo möchten Sie hin?". War ja klar, sehr kurze Fahrt. Sie merkt wohl, daß ich keinerlei Lust habe, mir ihre Geschichten anzuhören und ergänzt "Sie sind immer schlecht gelaunt."
Jetzt reicht´s aber. Habe zwar gelernt, mich bei Leuten, die ich nicht mag, neutral zu verhalten und so höflich, wie nötig - aber jetzt reicht´s. Sage also sehr deutlich, daß sie gerade völligen Unsinn redet - und ergänze, daß ich es überhaupt nicht mag, wenn jemand derart persönlich wird. "Vergessen wir (!!!) das also mal jetzt - und unterlassen Sie es bitte, weiterhin unangebracht persönlich zu werden." Punkt und basta. Daß ich sie einfach nicht mag - sage ich nicht mehr. Muß ja nicht sein, wäre persönlich. Aber die Deutlichkeit - hat geholfen.
So ist es eben manches Mal - nicht jede(r) interessiert mich und manche sind mir einfach lästig in ihrer Art, anderen etwas überstülpen zu wollen während der Fahrt. Manchmal habe ich mich still gefragt, wie solche Leute auf die Idee kommen, daß jemanden ihre langweiligen Geschichten interessieren könnten? Und es gibt wirklich langweilige Geschichten! Ich helfe höflich-neutral beim Aussteigen und verabschiede mich auf ebensolche Weise. Denke nur "blöde Kuh." Wenigstens - ist der Ort, wo ich sie rauslasse, günstig für mich - ich stelle die Limousine ordentlich ab und gehe noch schnell in zwei Geschäften was gucken ... läuft ja eh nichts.
Kürzlich fahre ich eine andere alte Dame - die will auch immer nur um die Ecke mit ihrem Rollator - und ich weiß es schon vorher. Als sie sich an der Rufsäule mit ihrem Namen meldet, sage ich "Ich kenne Sie - bin direkt bei Ihnen." - und freue mich schon auf gute Gesellschaft. Nicht über die kläglich kurze Fahrt, aber auf diese liebenswerte, humorige alte Dame. Es gibt wieder viel zu besprechen und zu lachen mit ihr. Ob ich Olympia gucke? Nein, interessiert mich nicht die Bohne. Was mich denn interessiert. Ich frage mal kurz zurück, ob sie denn an Olympia interessiert sei? "Oh ja - mich interessiert alles." Ja - das macht den Unterschied. Wir finden also wieder ein interessantes Thema für unseren "Ausflug" um die Ecke und haben einen schönen Spaß zusammen. Mit ihr halte ich auch gerne noch ein Extra-Schwätzchen - die interessiert mich, weil sie trotz aller körperlichen Widrigkeiten humorig und lebendig geblieben ist. Sie erinnert mich jedesmal - auch optisch - sehr an eine ehemalige Tante, die ist auch immer offen auf die Leute zugegangen und war sehr interessiert am Leben, trotz ungezählter Malesten und Operationen. Das ist jedesmal, als wäre diese Tante für eine kleine Weile wieder zum Leben erwacht.
Sie erzählt mir noch, sie hätte eben lachen müssen, als sie den Hörer aufgelegt hatte. Weil ich gesagt hätte, daß ich sie kenne. Sie hat gedacht - entweder kommt jetzt die "Vornehme" oder die "Natürliche" - und sie sei schon gespannt gewesen, welche von beiden. Die "Vornehme" - war es nicht. Und natürlich sei ihr lieber. Ja, mir auch. Wir würden sowieso gut zusammen passen, meint sie. Süß. Thema war diesmal Kochen und Essen - auch hier haben wir beide eine Vorliebe für eher einfache und natürliche Gerichte. Und wir haben ein Gefühl dafür, was Inter-esse bedeutet. Da gehören nämlich zwei dazu - die sich auch was zu erzählen haben. Und die was vom Gegenüber erfahren wollen.
Das ist etwas ganz Anderes - als jemanden mit seinen eigenen, langweiligen Geschichten nötigen zu wollen.

2 Kommentare:
Jjaja, seufzt Omahaaa, so unterschiedlich sind die Menschen....ich lerne bei Dir das Zäune bauen: Gestern einer Freundin gesagt, sie möge mich verschonen mit Krankheitsschilderungen von Leuten, die ich nicht kenne und überhaupt...sodummlangweiliges Zeug...diese Grenzsetzung hat geholfen, war ganz einfach, hat sie dermaßen ins Grübeln gebracht, dass sie später anrief und wir lange reden konnten, aber keinen Ödquark, sondern "natürlich"...
Gruß von Sonja
Das klingt gut.
Ja - Krankheitsgeschichten von Dritten gehören definitiv zur der langweiligen Kategorie. Überhaupt - allzu viel über Dritte zu reden, finde ich oft befremdlich und ein Zeichen dafür, daß kein "Austausch" da ist. Oder vielleicht keine eigenen Hobbies ... Gruß, Sati
Kommentar veröffentlichen