Sonntag, 9. Dezember 2012

Gut, daß ich länger geschlafen habe ....

... die Türen meiner Privatlimousine lassen sich nicht öffnen am Morgen bei Minus 7 Grad ... alles zugefroren. Werkzeug - drinnen. Ahja - gut - das Heck läßt sich öffnen, ohne gleich die Griffe abzureißen. Habe also schon mal Werkzeug - zum Aufhebeln einer Tür. Vorsichtig natürlich - dieses gute Auto muß auch gut behandelt werden. Von dort aus arbeite ich mich weiter von innen nach außen vor.  Viel Eis kratzen - innen wie außen. Am Morgen - noch alles sehr glatt - dann aber kommt die Sonne und sorgt für Segen auf den Wegen - gemeinsam mit dem Straßendienst, den ich immer bejuble, wenn er mal wieder an mir vorbeirauscht. Die Leute in der Kolonie heute - erstaunlich und erfreulich vernünftig, sehr viele lassen ihre Autos stehen. Geht doch. Ich erwische gute Fahrten - unsere Zunft und ihre Dienste sind nach Langem mal wieder gefragt. Warne meine Kundschaft vor - daß ich in den vereisten Nebenstraßen nur langsam vorankomme - aber alle sind geduldig. Sogar die Romani ... die manchmal etwas hitziger gepolt sind vom Temperament als die hiesige Mentalität. Heute denke ich mir - bei solchem Temperament können wenigstens die Scheiben nicht von innen beschlagen - die Sprache klingt für mich immer sehr "hitzig". Und sehr interessant .... obwohl ich kein Wort verstehe.
Ein Wiener steigt ein - er will zum Flughafen - und fragt mich sofort aus heiterem Himmel "Waren Sie mal schon in Wien?" Ne - bislang nicht. "Da müssen Sie unbedingt hin". Aha?! Lasse mir am Ende der Fahrt nach seiner Unterschrift für den Kreditkarten-Beleg noch einen "Geheimtip" geben - und denke - schreib doch mal einen Reiseführer mit bunt-gesammelten "Geheimtips" der Taxikunden ..... das würde ein schönes Chaos werden. Und eine abwechslungsreiche Reise.
Fange meine Folgeaufträge zum Teil noch im "Anflug" - so soll es sein. Die Hauptstraßen sind gut befahrbar heute. Habe wirklich durchweg nette und teils sogar sehr unterhaltsame Gäste. Hier hervorzuheben - ein älteres, kölsches Urgstein, ein sehr warmherziger Opa - mit seinem Enkel unterwegs - dieser wohnt weit weg und ist gerade zu Besuch.  Sie freuen sich schon - wieder bei der "Oma" anzulanden .... und einen von ihr bereiteten warmen, guten Kaffee geniessen zu dürfen. Ich unterhalte mich mit dem "Opa" über einstige Freiheiten - die wir als Kinder unsererseits noch geniessen dirften. Der Mann - hat bis heute kein "Handy" - weil er diesen Geschmsck von Freiheit erst gar nicht missen möchte. Er ist etwa eine Generation älter als ich ... und wir haben erstaunlich viel gemeinsam. 
Bin selbst - etwas redseliger als in den letzten Tagen - trotzdem ich eine gewisse Heiserkeit verspüre, wenn ich es damit überstrapaziere. Achte also - auf ein gutes Maß. Zuhören ist übrigens ohnehin meist interessanter und lehrreicher - als selbst das immer gleiche, dumme Zeug zu erzählen.
Eine sehr schöne, natürliche (vielleicht gerade deshalb?!) junge Frau steigt ein - sie möchte zu einer Wohnungsbesichtigung. Hat einen gewissen Druck, etwas Neues, Passendes zu finden. Und ist gerade ein wenig gestreßt - weil sie als Verkäüferin im Weihnachtswahnsinn tätig ist. Mein Beileid .... Ob ich wohl auf sie warten könne dort - sie müsse wieder zurück. Und wieviel das kostet - wenn die Uhr weiterläuft. Gute Frage! Ich meine - das kostet wohl soundsoviel Euro die Stunde - und wir kommen gerade beide nicht drauf, wieviel das dann in soundsoviel Minuten ist .... Blackout im Doppel! Wir haben zwar beide richtig geraten - aber dennoch kam es uns beiden absurd vor. Ich sage ihr - sie soll mal gehen - ich lasse etwa zwei Euro weiterlaufen - und halte die Uhr dann an. Ok. Sie kommt zurück - von der Besichtigung eines 23 Quadratmeter-Knastes für über 500 Euro - wir sind uns einig, daß das "Scheiße" ist.  Ich meine - aus echter Erfabrung "Da - kommt was Besseres!" Erzähle ihr
- wie ich an meine beiden letzten Wohnungen gekommen bin - reibungs- und mühelos - wie geölt. Wenn der Zeitpunkt paßt - dann paßt alles Andere auch. Sie weiß das - freut sich aber dennoch über eine kurzfristige Ermutigung und bedankt sich gar - für die "therapeutische Unterstützung und den Aufbau". Sagt es so - explizit - "Taxifahrerin und Therapeutin" - und bedankt sich nochmal. Ich freue mich - daß sie mich heiter verläßt. Und staune darüber - wie leicht eigentlich "therapeutische Unterstützung" ist ..... Denke - wieder mal - an die ursprüngliche Bedeutung von "Therapeut" - das hieß wohl einst mal - nicht mehr und nicht weniger - als "Freund". Und es ist wirklich einfach - manchmal - sich gegenseitig schlicht freundlich zu begegnen. Hörtr in der Vergangenheit beispielsweise auch schon oft etwas wie "Vielen Dank - für Ihre Freundlichkeit." Und bedankte mich ebenso manches Mal - für "freundliche Gesellschaft" in der Limousine. Soviel - zu "Therapie" ..... jenseits von Anmaßung.
Fahre nochmal kurz eine ebenfalls freundliche Damae zum Bahnhof - und staune, daß der quasi taxenfrei ist. Stelle mich kurz hin - habe eine Vorbestellung mit meiner "persönlichen Glücksschweinschenkerin" in Kürze .... aber das sollte noch passen. Paßt perfekt - die vier Kolonie-abenteuerlustigen jungen Damen - müssen in meine Richtung. Ja - von da aus kann man problemlos alles zu Fuß erlaufen - es ist sehr zentral. Und der neue "schwul-lesbische Bonbón-Weihnachtsmarkt" ist direkt um die Ecke .... (bin ich froh, daß ich abends ins Niemandsland fahre!).
Feiner Halt für meine Blase - hallelujah.
Fahre dann - zu meiner letzten Tour für heute. Zu "meiner Glücksschweinbringerin" .... eigentlich will sie heute hin- und zurück mit mir, aber ich habe "zurück" gestrichen" - gebe mir selbst früher frei heute. Stehe schon eine Viertelstunde früher vor ihrer Tür - und versuche, ihr das telefonisch zu übermitteln - so sie möchte. Niemand am Apparat. Letzte Woche - hat sie meine Kollegin ein wenig draufgesetzt mit einem Termin - obwohl auch das sich noch wieder zum Guten gewendet hatte. Heute - denke ich kurz nach Verstreichen unserer Verabredung - ok - es ist halt nicht "kalkulierbar" mit ihr. Vielleicht - ist sie eingeschlafen .... aber sie kommt doch noch. Mit diesem Lächeln, welches ich so gerne mag. Ohne Rollator - hallelujah! Nur mit der einen Krücke .... für den Fall Und natürlich mit einem prall gefüllten "Nikolaussack" für den behinderten Sohn - zu dessen Nikolausfeier im Heim ich sie fahren werde. Wie neulich gespostet - der Blinde stützt sich auf den Lahmen - inmitten all der normal-Irren.
Sie ist eine sehr kommunikative Frau - und wechselt zwischendurch die "Ebenen" - hinterläßt mich imer wieder mit vielen Fragezeichen. Manchmal - duzt sie mich - dann sagt sie wieder "Sie". Einmal erstaunt sie mich - mit Kultur - dann wieder mit leichtem paranoidem Gebaren ..... Ich denke - ich habe es mit mehreren Persönlichkeitsschichten zu tun, die sprunghaft wechseln. Unser Einverständnis besteht wohl darin - daß es genauso ist, wie es ist.
Sie überrascht mich immer wieder mit einer Ebene - auf der sie auch viele Einzelheiten erinnert - und dann driftet sie ganz woanders hin. Heute  - hat sie mich wieder reichlich beschenkt. Der Kollege neulich auf der Rüclfahrt - bei der sie dachte, sie hätte mich "versetzt" - hatte ihr nur ein Drittel der Fahrtkosten auf dem Rückweg berechnet (muß eine Art Taxi-Engel sein ...) - und sie schenkte mir heute das Geld, welches dieser ihr gar nicht abgenommen hatte.  Ich nahm es gerne an - sie hat irgendwo ihre Unterstützer. Und sie gibt mir Rätsel auf. Über das Leben und seine seltsamen Wege. Darüber - wieviele Leben ein Mensch lebt - vielleicht sogar in einem einzigen.
Verstehen werde ich das alles nicht - aber ich mag die. So einfach ist das.
Nehme noch ein paar Briefe von ihr mit und verspreche, die in einen Kasten zu werfen - fahre extra einen viel-geleerten Briefkasten am Halteplatz an - bevor ich abstellen will. Ein Kunde steht dort - ich winke ab. Frage ihn dann doch noch ganz kurz - wo er denn hin will - es ist kalt draußen. Um die Ecke quasi. Gut - dann steigen Sie ein. Der bringt mich noch exakt zum Supermarkt - wo ich eh noch was zu holen gehabt hätte - und läßt mich noch ein paar sehr nasse Tränen lachen - mit selten-trockenem-kölschem Humor.
Komme heute abend - ohne Rutschen gut über den Berg ....
Und finde - manchmal! - die Menschenwelt geradezu rührend und zauberhaft.

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