Mittwoch, 9. November 2011

Meist andersrum ....

An einem mir bislang noch unbekannten Seniorenstift holte ich einen betagten Mann ab. Dachte, er sei ein Bewohner. Während der Fahrt erzählt er, daß er öfter diese Strecke fährt und immer die gleiche Summe zahlt - mal bleibt 1 Euro Trinkgeld für den Fahrer, mal nur 20 Cent, es läge also an mir .... Hmmmhhh. Grundsätzlich mag ich solche Ansagen nicht und habe keinerlei Ambition, mir für einen Euro Trinkgeld irgendetwas abzubrechen. Ich breche mir sowieso ungern etwas ab - für Nichtigkeiten. Ich sehe es ihm nach, aufgrund seines Alters und meiner guten Laune. Und komme am Ende stressfrei auf 95 Cent - also ein ganz guter Schnitt, wie mir scheint.
Während der Fahrt erfahre ich, daß er nach Hause fährt. Seine Frau lebt im Stift - er ist lieber zuhause geblieben. Ich stelle später verwundert fest, daß mich diese Konstellation auf diverse Vor-Urteile bei mir selbst hinweist. Ich wundere mich nämlich in diesem seltenen und für mich ersten Fall  darüber, daß er nicht mit ins Stift gezogen ist und lieber zuhause bleibt - nach vielen Jahrzehnten Ehelebens. Denke noch: Naja, vielleicht auch ein Genuss, nach so langer Zeit von Zweisamkeit mal wieder seine Ruhe zu haben. Er berichtet, daß er und seine Frau Gott sei Dank seit über 25 Jahren die gleiche Putzfrau haben, die sorge auch weiterhin  für Ordnung bei ihm. Und dazu käme, daß er ja schließlich auch viele Dinge habe, an denen er hängt; zuvorderst erwähnt er Bücher - Letzteres ist mir bekannt ....
Ich empfinde es spontan als relativ seltsam, daß dieser Mann "alleine bei sich zuhause bleibt", wo doch die Frau jetzt woanders ist. Und erst später registriere ich, daß ich schon sehr viele Frauen fuhr, die im umgedrehten Fall ihre Männer im Heim besuchten - und selbst ebenso zuhause weiterwohnten. Was ich aber nie als seltsam empfand, sondern eher als "normal". Wobei diese Frauen meist eine ausgeprägte Tendenz haben, ihre Männer dennoch weiter zu betutteln - am gleichen Tag fuhr ich zuvor eine türkische Frau, die ihrem Mann im Heim sein eigenes Essen kocht, weil das Essen dort so fürchterlich schmecke - erzählte sie jedenfalls.
Ich darf also über mich selbst und meine erste Wahrnehmung in diesem seltenen Fall - meist überleben ja die Frauen die Männer - staunen. Ich war schlicht im ersten Moment verwundert darüber, daß ein Mann nach 50 oder mehr Ehejahren lieber (selbständig) alleine weiter zuhause wohnt, statt mit seiner Frau ins Stift  zu ziehen.
Da denkste, Du seist relativ frei von diesem ganzen "Geschlechterkram" - und schon falle ich selbst drauf rein.
Jedenfalls kurz .....

4 Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Ganz simpel könnte es auch eine finanzielle Frage sein. Wenn er z.B. keine Pflegestufe hat, müsste er für die mindestens 2.500,00 monatlich selbst aufkommen. Meine Mutter zahlt in einem preiswerten Heim in Berlin ca. 1400,00 und die Pflegekasse etwas über 1000,00 pro Monat, und das bei Pflegestufe 1. Bei Zwei wird es ca. 200,00 Euro teurer.
Und die Doppelzimmer in Heimen sind ja meistens auch nicht erstrebenswert.
Schönen Gruß von Clara

Sati hat gesagt…

Ja, ihm ging es wohl um die Lebensqualität zuhause. Kann ich gut verstehen. Hatte mich nur gewundert, daß ein Paar sich nach über 50 Ehejahren auf diese Weise trennt - räumlich.

andrea hat gesagt…

es ist nicht leicht, alles aufzugeben und zusammen in ein altersheim zu gehen, wenn einer von beiden noch fit genug ist, zu hause zu bleiben. die meisten glauben auch, dass der partner nur "vorübergehend" ins altersheim geht und vielleicht noch mal wieder nach hause kommt. meistens ist es dann allerdings so, dass der andere irgendwann ins heim hinterherzieht.
und die finanzielle seite ist nicht zu unterschätzen, bei zwei leuten im altersheim muss da sehr viel geld hingelegt werden. da überlegt man dich das schon.

Sati hat gesagt…

Da hast du recht - das ist nicht leicht. Nicht alleine und nicht zu zweit. LG, Sati