Samstag, 7. Januar 2012

Außerplanetarische Erwartungshaltungen

... begegnen mir erfahrungsgemäß von solchen Fahrgästen, um die ich ohne diesen Job einen sehr weiten Bogen machen würde. Besonders oft handelt es sich bei diesen um ältere Damen, die noch einer "anderen Generation" entstammen. Unsympathische, bittere Männer haben andere Methoden, um die benötigte Aufmerksamkeit, auch negativ, doch offensichtlicher aggressiv auf sich zu ziehen. Hauptsache Aufmerksamkeit (Einzelheiten zu männlichen Exemplaren folgen ...) - wobei alle diese "subtilen" Methoden", besonders auch die gaaanz liebenswerten,  sowohl "negativ" als auch aggressiv sind - um sie auf die Schnelle zu benennen. Es gibt ja noch soviele mehr .... Hauptsache - es nimmt einen mal wieder jemand wahr.

Heute stehe ich also an einem öden, frustrierenden Tag, an dem der Umsatz einem die Tränen in die Augen treiben könnte, wenn das letzte Quäntchen Humor nicht wäre, am Halteplatz Kaufhof - Einkaufen gehen sie ja doch wieder alle. Etwa 70 Minuten Wartezeit, bis ich vorne bin. Ging ja vergleichsweise zügig. Eine "Dame" kommt - mit einem Träger, der mir schon ein wenig hektisch zufuchtelt. Ich nicke und öffne den Kofferraum von innen, steige aus und gehe rückwärtig um die Limousine in ihre Richtung.  Dicke Luft .... liegt da in der Luft, es kostet mich nicht einmal Bruchteile von Sekunden, um zu wissen "Hier spielst Du lieber nicht mit.
"Nein nein - die Sachen sollen auf die Rückbank - nein!!! natürlich oben auf die Sitze und nicht nach unten,sonst geht doch was kaputt! Er ist überbemüht und offenbar schwer getresst. Schiebt also die beiden recht kleinen Taschen geflissentlich und allzu sorgfältig auf die Rückbank. Neeeeein - doch nicht soooooo! Er hat die Taschen auf der Fahrgastseite jetzt zu weit in Richtung Fahreseite geschoben. "Wie soll ich denn da nachher wieder drankommen?!!!" wettert die Furie weiter. Der arme Tropf zieht also die Taschen wieder in seine Richtung, jetzt bin ich sicher, daß er nur der Träger vom Kaufhof ist und nicht mitfahren wird. Hatte erst noch überlegt, ob ich ein wenig "frotzeln" soll - und der Dame erkläre, daß ich keine Taschen auf den schönen neuen Limousinensitzen wünsche .... haha. Lasse es sein und halte mich sehr vornehm zurück, nachdem sie laut verkündete "Er macht das schon." Ich drehe mein Gesicht weg, weil ich kopfschüttelnd lachen muß über dieses alberne und unangebrachte Herrschaftsgebaren der Despotin. Die Taschen sind also endlich am rechten Fleck plaziert - der Mohr darf gehen. Der Mohr ist aber derart durch den Wind, daß er bei seinem erleichterten Abgang die Limousine deutlich und gut hörbar mit dem Einkaufswagen rammt, in dem die Taschen zuvor lagen. Er tut so, als hätte er es nicht bemerkt - Fluchtinstinkt. Wieder binnen weniger Sekundenbruchteile entscheide ich mich für "Calma", Ruhe bewahren. Der Buckelnde ist eh fertig für heute. Ich gucke mir die Schramme an, als er geht und wische es mit ein bischen Spucke weg .... ok, nichts Bleibendes.
Die Trulla steht deweil weiter sperrig vor der weit geöffneten Beifahrertür und macht keinerlei Anstalten, eigenständig einzusteigen. "Können Sie das .. hmmmpfffh .... ?!" Ich weiß gar nicht, was die will .... der Sitz ist bereits ganz hinten am Anschlag. Die äußert sich aber völlig unklar. Ich frage interessiert-ironisch "Nach vorne?" (Hahaha ....) "Nein, soooo!" Sage laut - der Sitz ist bereits ganz zurückgeschoben. Ach so, das könne sie ja nicht wissen. Ich mache eine Übung für mich draus - was soll ich sonst heute tun, Kohle kommt eh nicht - und sage einen ganzen Satz, als ich im Auto sitze. "Ich hatte eben einen sehr hochgewachsenen Fahrgast, der den Sitz bereits bis ganz nach hinten gerückt hatte." Nur - damit die Blaublütige weiß, daß sie mit mir nicht so schön spielen kann wie mit dem stirnschwitzigen, kopfnickendem Tropf eben. 

In ihr weiteres, mit Sicherheit langjähriges und chronisches Vor-sich-Hinnörgeln  frage ich laut "Wo wollen Sie hin?" - "Zu mir nach Hause" - sagt sie. Jetzt weiß ich sicher, daß sie sadistisch-unausgelebte Anlagen in sich trägt. Ich hake gelangweilt-gelassen nach, wohin also jetzt? "Die Kollegen kennen mich alle, die wissen schon, wohin ich will. Fahren Sie mal die "Bäche" runter." Das mag ich nicht, wenn mir jemand sein Ziel nicht nennt. Paßt aber perfekt zu ihrem Typ und Lieblingsspiel: Solche Menschen geniessen es, möglichst viele Anweisungen zu geben, statt nur einer klaren und konkreten, so können sie die Illusion von Macht bestmöglichst auskosten. Ich denke - allzu viele werden dieses dumme Spiel mitspielen, siehe oben. "Die armen Kollegen, die sie bereits kennen" denke ich auch noch. Zumal das Unsinn ist, was sie da von sich gibt - denn am HP Kaufhof fährt Hinz und Kunz.
Ich frage also nochmal "Wohin denn genau?" - sie murmelt etwas, was ich nicht gut verstanden habe, also frage ich nach: "Budengasse?"  Antwort "Das kennen sie sowieso nicht." Die wird ja immer besser!
"Wenn sie mir einmal genau sagen, wohin sie möchten, sage ich ihnen auch gerne, ob ich das kenne - oder nicht." Habe sie doch eben, laut und deutlich! Hä??? Ich hätte es bloß nicht verstanden. (Scheiß-Spiel ....)  Sie wiederholt die Destination.
Ich kenne diese kleine Gasse, in die sie will. Es ist die letzte vor der Brücke nach Deutz. Den Namen - habe ich bereits wieder vergessen, aber wenn ihn jemand sagt, fällt´s mir wieder ein. So geht es öfter. Liegt wohl dran, daß mein Ehrgeiz, eine alteingesessene, ehrbare, allwissende Limousinette zu werden, sich in Grenzen hält. Dafür habe ich zuviele andere Interessen. Nun ist es aber so, daß ich am Anfang meiner Lenkerinnen-Zeit öfter mit ganz alten Hasen gesprochen hatte, die mir ein paar Ecken und Nischen und exotische Strassen erläuterten, die "keiner kennt".

Als ich endlich die Destination erfahren habe, vernehme ich weiteres Nörgeln und Schimpfen neben mir. Das wird auch nicht aufhören, dennoch mache ich zügig einen dicken Strich unter ihre Versuche, persönlich zu werden und sage "Ich werde Ihnen jetzt mal etwas sehr klar und deutlich sagen: Ich habe keinerlei Absicht, mich mit Ihnen auf dieser Fahrt um die Ecke in irgendeiner Weise herumzuzanken." Aha - hat sie begriffen. Gut!
Fast freundlich erzählt sie, wie voll es doch in der Stadt gewesen sei und von dem "Fliegeralarm" (Sirenen-Check) am Mittag. Ja, habe ich auch gehört. Es erinnere sie immer an ihre Kriegs-Kindheit, dazu hätten dann immer noch die Glocken vom Dom geläutet. Ich nehme das Friedensangebot an.

Dann wechselt sie das Subjekt ihrer Enttäuschung über das Leben (s.o.  unter "chronisch") und beginnt, über die Leute in ihrem Haus zu schimpfen. Früher, ja, da haben sich alle geholfen. Auch in der Stadt. Aber heute ...." Ja, sage ich, vor ein paar Jahrzehnten war das alles noch üblich" - Ich kenne diese Nachbarschaftshilfe auch in der Stadt tatsächlich noch sehr gut, gemeinsame Renovierungen mit den Nachbarn und Freunden etc. . ) und ergänze: "Ich glaube, die jungen Leute heute helfen sich auch gegenseitig" und habe diverse Umzugs-Bilder in meiner Strasse vor Augen, wo alle gemeinsam anpacken.

Nein - das meint sie nicht. Sie meint, daß die Jungen den Alten helfen - sollen.
Aha - denke ich bei mir. Jetzt sind wir bei den Erwartungshaltungen.
Bei all den ent-täuschten Hoffnungen.
Nur - damit sich Freundlichkeit erfüllt - muß mensch vielleicht auch ein wenig freund-lich sein?
Ich denke, wohlgemerkt.
Um dieses Ding anzusprechen, gar mit jemandem wie ihr zu be-sprechen - bräuchte ich viel Zeit und Geduld.
Und ich würde mir beides nur nehmen - wenn ich mindestens 50 von dieser Sorte vor mir hätte, um es anschließend mit ihnen zu erörtern - sonst wäre mir meine Energie zu kostbar.

Sie lamentiert, daß früher in ihrem Haus nur anständige Leute gewohnt hätten - heute sei es ganz fürchterlich, wer und was da alles wohne. Sie wohnt übrigens genau in der Mitte zwischen Schwulen-Sex-Viertel und Ganzjahres-Karnevals-Hochburg ..... Diese jungen Männer würden ja nicht einmal der schwerstbehinderten Nachbarin aus dem 4. Stock ungefragt eine Tasche mit hochtragen .... Ich denke bei mir "Wenn die so freundlich ist wie Du - wundert mich das nicht."

In Kölle heißt es ja derzeit bis demnächst wieder: "Wer poppe well - muß fründlisch sin."
Ich sage - wer Hilfe möchte, muß es auch sagen.
Und wer immer nur unfreundlich ist - an dem laufen auch nette, junge Leute vorbei.
Aber das ist typisch für eine bestimmte Spezies: Sie erwarten viel - ganz "selbstverständlich"  -  und bekommen wenig. 

Nichts - ist "selbstverständlich".
Mensch muß sich zu verstehen geben.
Vielleicht - würden die Leute in den Häusern dann sogar gerne und locker Taschen mit hinauftragen.

Ich spreche übrigens - wie jede(r) - aus Erfahrung :
Wenn ich mich selbst öffne - ernte ich viel.
Verschließe ich mich - stosse ich auf Granit.

Beim Abgang bleibt die Blaubblütige sich selbst treu. Ich halte an der richtigen Stelle und hole ihre Taschen vom Rücksitz - während die Beifahrertür bereits weit offen steht. Ich stutze kurz und frage mich, wieso die jetzt nicht aussteigt? Aah, es regnet, sie war doch eben erst beim Frisör, wie fürchterlich!  Also - läßt sie mich im Regen stehen und spannt in Ruhe ihren Schirm auf. Ich gebe ihr ihre Taschen in die Hände - und sie mokiert "Früher hat man mal die Tür aufgehalten (?????) - aber heute ... gibt es ja keinen Service mehr.

Das war eine Fahrt von geschätzten zwei Kilometern - mit vielen Ampel-Stops. 6,55 Euro in Zahlen - in Zeit und Raum enorm verdichtet!

PS: Falls mindestens 50 Leute ein Seminar wünschen, welches ihnen ihre absurden Erwartungen aus dem Hirn brennt - stehe ich gegen horrende Gebühr für wenige Stunden zur Verfügung. Vorkasse - versteht sich von selbst - niemand will das bis zum Ende hören, was ich zu sagen habe.
So wie ich - auch so vieles nicht hören will - und es doch deutlich vernehme als Zwillingssonne, die sich in den  unendlichen Strahlen des Lebens - irgendwie - tummelt. 

4 Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Ich könnte - glaube ich zumindest - nicht den Bruchteil dieser Geduld an den Tag legen - und hätte dadurch nicht wenig, sondern gar keine Fahrgäste.
Ganz toll geschrieben und ich sah die nörgelnde "Komtesse" förmlich vor mir.
Mit Gruß von Clara

Sati hat gesagt…

Nenn es Routine - die brauchst du überall. Besonders mit so vielen Menschen ... ich dachte früher immer, daß ich besonders ungeduldig sei. Bin ich auch - immer noch - aber im Taxi habe ich wenig Einfluss ....
LG, Sati

Wildgans hat gesagt…

Ein Text zum rasend runterlesen mit dem Wunsch, der Dame kräftig eine zu scheuern...aber im Grunde genommen suchen sie doch alle nur Liebe, ach, und stell Dir vor, Du würdest all das nicht erleben und all das nicht befreiend und gekonnt runterschreiben...ich weiß, ich weiß, auf solche Edelmenschen könntest Du verzichten- trotzdem.
Gruß von der Sonntagsgartenästchensammelfrau

Sati hat gesagt…

Eine scheuern - hahaha ...
Lohnt sich nicht bei dieser Spezies, bringt zuviel Ärger mit der Znetrale und vor allem mit der eigenen Leber und Galle ein.
Manchmal lasse ich noch Dampf ab und schreie mich auf der Strasse mit Idioten an, die des Wegs kommen. Aber auch das - schadet meist nur der eigenen Gesundheit. Liebe Grüße, auch an alle Wachsenden in Deinem Garten, Sati