Montag, 23. Januar 2012

Die Faust in der Tasche ....

... ist ein wichtiges Attribut im Taxigewerbe.  Als Tagschicht habe ich noch Glück, da ich sie seltener fest zusammenballen muß, außer im Karneval oder beim "Reste-einsammeln" morgens am Wochenende und bei manchen Besoffenen, die nicht zu meiner Regelkundschaft gehören. Die arme Nachtschicht - denke ich heute nur - am Anfang meiner Zeit in dem Gewerbe konnte ich das noch gar nicht wirklich nachvollziehen, was die so alles über sich ergehen lassen müssen - mit der Faust in der Tasche.
Mein erster Kunde heute morgen war völlig volltrunken. Er wurde mir von zwei seiner Kumpels "geliefert" und auf den Sitz gesetzt. Ein türkischer Mann aus dem türkischen Café am Taxistand, welches rund um die Uhr auf hat. Seine Freunde sagten mir, ich solle ihn nach Hause fahren - das Geld bekäme ich später im Café. Ok - kann aber dauern, bis ich wieder hier anlande, ich fahre überall in der Stadt Hä? Egal ... jaja, ich komme später und hole mir das Geld  Und sie sollen ihn bitte noch anschnallen. Und - ganz wichtig - ich brauche seine Adresse. Wer weiß, wie tief der mir einschläft auf dem Weg ... Bekomme die Richtung und die Strasse raus, fahre ihn dorthin. Er bleibt glücklicherweise recht friedlich, außer, daß er auf dem Weg ein wenig halluziniert und sich woanders glaubt. Ich frage mich kurz, ob ich nicht besser Vorkasse gemacht hätte - aber mein Gefühl sagt mir, daß diese Leute sich an Absprachen halten werden. Der eine der Freunde beteuert, er sei der Café-Besitzer.  Der friedlich im Vollrausch Befindliche wacht auf meine Ansprache hin wieder kurz auf und sagt mir, wo er aussteigen möchte. Fragt sogar noch, wieviel er mir schuldet. Ich sage - das geht schon in Ordnung. Achja, erinnert er sich, bezahlt ja der Chef. Er kann also noch nicht im Koma sein. Später gehe ich ins Café mit einer Quittung - der Chef ist nicht da. Ich erzähle zwei Fremden, worum es geht und bekomme anstandslos mein Geld. Werde ein bischen nostalgisch und denke an Zeiten, in denen es auch hier noch Handschlag-Geschäfte unter anständigen Menschen gab. Die leben eben eine andere Kultur, und davon gibt es sehr viele verschiedene in so einer Kolonie. 
 
Die Faust in der Tasche - muß ich erst bei der letzten Fahrt machen. Wieder so ein Schnulli, der Machtspiele liebt.  Jemand, der absolut auf Ärger aus ist. Auf Kölsch heißt das "Auf Krawall gebürstet." Da machst Du  nichts dran - deswegen machst Du dann diese Faust in Tasche. Wobei ich die Faust nicht wirklich mag - ich atme lieber, gaaanz tief in den Bauch.
Erst freue ich mich, daß ich überhaupt noch eine Fahrt bekomme - dann läßt der mich sinnlos warten, obwohl er schon lange aus dem Fenster rief, daß er kommen würde. Parterre ... nichts passiert. Ich gebe nach etwa 14 Minuten seit Auftragsannahme eine "Fehlfahrt" ein unter "anderer Grund" - sowas wie "Sonstiges". Der schien mir irgendwie nicht koscher, benebelt, als er aus dem Fenster rief, wer weiß, ob der überhaupt noch kommt. Als ich schon langsam zum Wegfahren ansetze, erscheint er doch noch, mit Koffer, und will zum Bahnhof. Sitzt mit Smartphone telefonierend neben mir - ich frage "welcher Eingang" - und er beendet das Gespräch imt "Moment Mal - muß hier was klären."  Domseite. Gut. Können Sie das Radio ausmachen - ich kann mich sonst nicht auf´s Telefonieren konzentrieren. Ich bin baff erstaunt - nach sieben Jahren Lenkzeit ist es das erste Mal, daß ich registrieren muß, daß sich sämtliche Umgangsformen völlig ins Gegenteil gedreht haben zu scheinen. Drehe das Radio leise (Randbemerkung: Deutschlandfunk - Wortbeitrag, eh moderat) und sage - halb scherzhaft und halb zynisch "Ach - das ist jetzt das erste Mal in sieben Jahren, daß ich das erlebe. Bisher kannte ich meist nur so, daß die Leute mich fragen, ob es ok ist, wenn sie telefonieren. Aber - vielleicht ist mir ja was entgangen in der Zwischenheit und ich kann wieder was dazulernen."
Jetzt - geht der ab wie ein Hütchen. Wie gesagt "Auf Krawall gebürstet."
"Ja, jetzt können Sie mal was Neues lernen!!!"
Ich weiß genau, was kommt. Bin es sooo müüüdee. Der wird mir jetzt mal die richtigen Manieren beibringen - wollen. Was nicht funktionieren wird. Aber er wird mir drohen, pöse pöse drohen. Und ich soll Angst bekommen. Vor den pösen pösen Konsequenzen.
Fakt ist - das Radio ist kaum noch zu vernehmen - und er hätte nun in Ruhe telefonieren können. Fakt ist auch - hinten wäre ein schöner freier Sitz gewesen, wo er ungestörter gewesen wäre. Immerhin - lenkt mich diese ewige Telefonierei auch immer ein Stück ab. Ich bedene die Limousine, ein Display, manchmal das Navi und die Fahrgäste gleichzeitig. Wo ist also sein Problem?
Hier: Er ist auf Krawall gebürstet.
Habe keine Lust mehr - auf solche. Mache Faust in Tasche. Er tut, was ich locker hellsehen kann: Ruft Zentrale an. Erzählt von pöser pöser Fahrerin. Ich hätte gesagt, er sei unhöflich. Und er sei doch Kunde - und wenn er ein Taxi bezahlt, gehöre dieses doch ihm in der Zeit.
Aha? Interessant. Inklusive Untergebenen ... vermutet er.
Wie das jetzt genau sei - ob ich das Radio ausschalten müsse oder nicht.
Die Kollegin in der Zentrale antwortet diplomatisch, das sei eine Frage der Absprache. Wie das denn rein rechtlich genau sei -  ob er nun recht habe, wolle er wissen. Wie? - das wisse sie nicht genau. Jetzt will ich aber mal sofort ihren vorgesetztesten Vorgesetzen  sprechen, den Wichtigsten, keinen Handlanger.
Ich bin ja sooo müüüdeee ....  sage nur noch "Sie können sehr gerne mit einem anderen Kollegen weiterfahren. Es gibt schließlich Grenzen im Umgang miteinander - und die meinen haben sie schon bei weitem überschritten."
Das ginge leider nicht, er wäre jetzt auf mich angewiesen, er muß schließlich nach Thailand.
Ich - werde ihn überleben, soviel ist sicher. Meine Müdigkeit ob derartiger, alberner Drohgebärden ist in diesen Situationen eine gute Freundin. Sie sorgt dafür, daß ich ruhig bleibe und tief in den Bauch atme.
Das wäre ja das Allerletzte, daß die nicht mal weiß, wie die Rechtslage ist. Redet der mit mir?
Sie verbindet ihn mit der Schichtleitung.
Der Kollege von der Schichtleitung - versucht ihn unten zu halten, damit es nicht weiter eskaliert. Ja, wenn er es wünsche - müsse ich selbstverständlich das Radio abdrehen. Ja, er habe recht.
Jetzt - muß ich lachen ... es ist absurd. Das Radio ist doch schon längst abgedreht.
Der Krawallige reicht mir sein Smartphone Richtung Ohr - gut, daß ich auch im Schlaf fahren kann - ich nehme es auf und höre vom Schichtleiter der Zentrale eine Art Belehrung.
Das - ist es, was mich letztlich abtörnt. Ich brauche jetzt keine Belehrung - ich brauche jetzt Unterstützung vom Dachverband. Kriegt der neben mir aber nicht mit. Ich tausche ein paar Worte mit dem Schichtleiter und sage "Das geht hier schon die ganze Zeit so - keine Chance. Das Radio IST doch schon lange leise." - und muß lachen, weil es so absurd ist.
Der neben mir schreit "Geben sie mir jetzt sofort mein Handy wieder, das ist schließlich mein Handy" - und meldet, ich würde ihn jetzt auch noch auslachen. Wie genau er mich denn belangen (utbestrafen) könne für mein ungebührliches Verhalten? Dieser Schichtleiter erklärt ihm das en detail - aha aha, ja - gut. Das kann ich auch von Thailand aus veranlassen. Sehr gut - und wie kann ich anschließend nachprüfen, ob ein Disziplinarverfahren stattgefunden hat? - aha aha ..... gut.
Der drioht sich einen Wolf - und ich bin nur müde. Müde müde müde. Habe keine Lust, mich wegen derartigen Leuten  in zwei oder drei Monaten wieder erinnern zu sollen an eine Fahrt von Tausenden, bei der jemand mein Gesicht nicht gepasst hat. Mich hinzusetzen und alles zu "rechtfertigen".
Ist übrigens erst zweimal geschehen in sieben Jahren - einmal völlig absurd, jemand behauptete, ich hätte ihn nicht zum Flugahefen fahren wollen, was per se Unsinn ist, dort fahren wir sehr gerne hin.  Nur - sein Gepäck paßte definitiv und trotz allen guten Willens nicht in meinen damaligen Kombi. Und beim zweiten Mal - habe ich mein Versehen gerne zugegeben,weil es eines war. Ich hatte tatsächlich etwas übersehen auf dem Display.
Aber dieser hier - ist schon eine absurde Nummer mit seinen verpuffenden Drohgebärden und "Erziehungsmaßnahmen".  Habe keine Lust mehr, mich ob solcher Leute rechtfertigen zu sollen.
Mittlerweile - telefoniert er schon sehr konzentriert ca. 15 Minuten - für nichts.  Geht doch!
Am Bahnhof gibt er mir 10 Euro und 20 Cent und kanstatiert, er bekomme noch 15 Cent zurück. Ich sage laut "Sehr gerne, Herr Soundso!"  und gebe ihm sein 20 Cent-Stück zurück - von den gewonnen 5 Cent kann er sich eine Sitzung beim Psychiater kaufen. Sage ich aber nicht. Dann bemerke ich, daß der noch ein Foto von mir knipst mit seinem Smartphone. Es fruchtet alles nicht. Eine Faust in der Tasche, einmal geballt, mit tiefem Bauchatem .... ist gute Medizin. Was der wollte - er wollte meine Angst riechen. Meine Kleinheit. Nach oben buckeln, nach unten treten. Ne, Herr Dings .... sie machen mich einfach nur müde mit ihrem albernen Spiel. Und wie gesagt - in solchen Fällen hält die freundliche Müdigkeit mich davon ab, darauf anzuspringen.
Er schaut noch dreimal zurück, ich registriere das an der Peripherie - ich habe ihn nicht einmal angeschaut während der ganzen Darbietung und tue es auch jetzt nicht. 

Wer mich wirklich gefuchst hatte, war der Kollege aus der Zentrale. Als ich zuhause bin, rufe ich bei der Schichtleitung an - und erwische genau diesen, der sich gut erinnert an die absurde Situation vor etwa einer Stunde. Ich sage ihm, wie es ist: Ich bin ein wenig frustriert darüber - derart wenig Backup vom Dachverband zu bekommen in solcher Situation - die er sehr gut erfasst hat. Er erläutert mir, daß es für ihn erst mal um De-eskalation geht. Empfiehlt mir, ggf. beim nächsten Mal einfach die nächste Polizeistation anzufahren - da es teils Nötigung gewesen wäre. Ich selbst - wäre gar nicht auf eine solche Idee gekommen, außer den Fahhrgast weiterzurreichen an einen anderen Kollegen.  Ein altes Muster von mir - "ich schaff das schon". Was mich wirklich ärgert, ist, daß ich mich eventuel auch noch schriftlich rechtfertigen soll für solche Menschen, die mich und jeden Kollegen jederzeit übelst denunzieren können. Aber davon - weiß er sogar noch mehr Geschichten zu erzählen, als ich. Und - ich möchte auch nicht seinen Job haben. Der ist sehr freundlich  und klug- wie sich im Gespräch herausstellt. Das - war mir wichtig zu wissen. Ob es denn noch eine Art Zusammenarbeit gibt.
Vermutlich käme von dem eh nichts mehr hinterher. Er hat Erfahrung. Ich berichte ihm noch, daß dieser Vogel geflötet hat, er würde für 2.000 Euro im Monat Taxi fahren - der Kollege meint "Unsinn". Das - würde er sicher wissen. Aber auch das - wäre ja schließlich kein Grund, sich alles gefallen zu lassen - sage ich jetzt.

PS: Ich werde noch die vielen Schnelligkeitsfehler korrigieren und falls eine Beschwerde kommt - diesen Post zu obiger Angelegenheit an die Zentrale weiterleiten.  Ganz unsachlich ....  die Arbeit ist getan. Hallelujah!

PSPS: Ich bin sehr zornig -ob dieser Würmer!

4 Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Jetzt glaube ich aber doch, dass ich mir langsam einen Hut aufsetzen muss, um was zum Ziehen zu haben. Machos hoch drei - die rieche ich schon drei Meilen gegen den Wind.
Ich habe vor kurzem ähnliches in der U-Bahn erlebt. Einer telefonierte ununterbrochen so laut, als wenn er ohne Handy mit seiner weit entfernten Heimat sprechen wollte. Alle verleierten die Augen, ich war die einzige, die was sagte. - Und dann bedrohte er mich und meinte, dass ich von Glück reden könnte, dass ich eine Frau sei. - Vielleicht hätte er sich sonst duelliert mit mir? Das hatte ich noch nie :)
Gute Nacht!

Sati hat gesagt…

Mira, Clara - das alles sind keine Machos. Ich liebe Machos, wenn sie echt sind. Wenn es einfach Männer sind, die ihre Sache lieben und leben. Aber ich treffe nur auf Kasperle-Figuren ... und dieser war eine sehr schwache Kopie von allen Varianten. Ich bin selbst "Macho" - ein weiblicher eben. Habe ich auch nie den Männern verschwiegen. Kann nicht anders, will nicht anders, muß so sein, Sati

Wildgans hat gesagt…

Die mit dem größten Unwertgefühl tönen am lautesten...

Anonym hat gesagt…

kein zufall, dass er nach thailand wollte...