Mittwoch, 18. Januar 2012

Vom gleichen Stamm

Ich bekomme die "Lokleitung" auf´s Display, sehr erfreulich. Halte mich an der Peripherie des Messebetriebes, da gibt es schöne andere Aufträge. Dieser hier kommt zügig - wir fahren öfter die Lokführer der Bahn von einem zum nächsten Einsatzort, damit sie ihre Anschlußtouren erwischen. Mit diesem hier ergibt sich ein angenehmes Gespräch, er ist aus meiner Generation und dazu aus dem gleichen "Stamm". Er lebt einen Traum von mir, wohnt in einem Haus am Waldrand und heizt mit selbstgehacktem Holz. Hat so einen Kochofen und ist damit auch autark, wenn mal ein hübscher Stromausfall kommt, was wohl bei ihm tatsächlich auch eintritt, wenn beispielsweise Schneemassen wir im vergangenen Jahr die Stromleitungsbäume umhauen. Wir sind uns einig, daß ein Mensch sich durchaus den ganzen Tag über sinnvollst mit einfachen, grundlegenden Dingen beschäftigen kann, ohne elektronisches Zeugs. Leider sind meine eigenen Erfahrungswerte hier noch sehr begrenzt, doch weiß ich ihm von einer Woche auf einem Berg in der Toscana zu erzählen, in der ich Haus und Hof hütete für die reisenden Besitzer, die mir das anvertrauten - ich saß eh fest, da mein schöner alter Peugeot-Kombi den Geist aufgegeben hatte. Der Tag war ausgefüllt mit Hühner füttern, Stall sauber halten, in die Landschaft gucken, trommeln, dies und das in Ordnung halten. Es fehlte an nichts, im Gegenteil, es war ein viel selbstverständlicher verbrachter Tag und Nächte mit mehr als üppigen Sternenhimmeln. Ich schlief trotz garstiger Mückenbisse am liebsten draußen. 
Er - lebt in seinem Traumhäuschen, zu dem er per Zufall kam. Doch auch er - darf nicht nur glücklich sein darüber, da seine Frau es nicht wirklich immer ist. Soviel nochmal dazu, daß jeder sein eigenes, kleines Päcklein tragen darf.
Wir freuten uns gemeinsam etwas hämisch auf den Tag, an dem es einen großen Stromausfall gibt und die Menschen - verloren an sich selbst - wirr umherlaufen, weil PC und Handy ausfallen. Redeten über die Smartphone-Generationen, die sich derzeit wie eine seltsame Seuche ausbreiten. Alles gucken sie nach bzw. "vor" auf ihren Geräten, es gibt keinen Platz mehr für Überraschungen auf dem Planeten, selbst in der Wüste werden süchtig die neuesten E-Mails gecheckt. Er ist Motorradfahrer und früher immer nach Karte gefahren. So wie ich auch, mit dem Auto und mit der Limousine. Heute - für die meisten nicht mehr vorstellbar, nach sehr wenigen Jahren, seit es Navis gibt. Kein Raum mehr für Abenteuer und Unerwartetes. Kontrollsüchtige Eltern statten ihre Kinder mit diesen Dingern aus, um sie jederzeit "backtracken" zu können - eine komplette Horrorvorstellung für beide von uns, die wir noch relativ unkontrolliert unsere eigenen Erfahrungen machen durften - als "freilaufende Kinder" und in der seinerzeit wilden Welt des Heranwachsens. Viele Sinne verkümmern durch den Elektronik- und Allesvorherwissenwollen-Wahn. Selten steigt noch ein jüngerer Zombie ohne sein Smartphone in die Limousine, auf dem er dann permanent irgendwas antippt - was ich nicht wissen muß und will. Eine Art Seelenverkauf gegen meist unnütze Information. Und dazu - haben diese Teile nicht einmal die Funktion, sie wirksam abzuschalten. Backtracking rund um die Uhr. Mit einer jungen Frau unterhielt ich mich neulich über diese Tatsachen und damit über eine völlig neuartige "Gestasi", der die Menschen auf diese Weise auch noch freiwillig alles preisgeben - und ihr war das völlig wurscht. Es gibt kaum ein Bewußtsein über die Kontrollmöglichkeiten und -mechanismen, die  dadurch wie eine Lawine in die Hände von möglichen Übelgesinnten gespielt werden.
Absurde Begrifflichkeiten wie "Transparenz" und "alternativlos" werden den Zombies so lange um die Ohren gehauen, bis die dran glauben. Seit wann - ist das Leben "alternativlos"? Die Tatsache, daß das Leben immer ganz anders und weit gewiefter spielen kann, als irgendwer glaubt, läßt mich weiter optimistisch sein - trotz wachsender Zahl an in Elektronik-Trance durch die Kolonie wandelnder Smartphone-Zombies. Und hier und da - hat die Vernetzung auch unbestritten ihr Gutes. Der-/die ein oder andere Zombiene - ist wachgeworden, indem er/sie mal ein paar überraschende Seiten geöffnet hat, die das bisherige Weltbild erschütterten.
Es tut mir gut, an diesem Tag einen von meinem Stamm zu treffen - sie sind rar geworden.
Ich habe mich verquatscht und bin reflektiv gefahren ... muß nochmal wenden. Ist uns beiden wurscht, es ist eh eine Festpreis-Fahrt, niemand zahlt drauf. 
Zum Ende gibt es nochwas zu lachen - auf dem DB-Gelände kommt uns ein DB-Transporter mit zwei sehr urigen, langbärtigen Lederjacken-Trägern entgegen, sehen aus, wie eine Delegation der "Hells Angels". Wir müssen beide lachen - und er erzählt mir noch eine witzige Geschichte von einem taxifahrenden Rocker-Bezirkschef  in seiner Gegend ... irgendwie muß so einer ja auch sein eigentliches Gewerbe tarnen.

5 Kommentare:

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Liebe Sati, ich kann nichts dafür, ich MUSS dazu einfach das hier antworten:
http://chh150845.wordpress.com/2010/06/23/helden-und-heldinnen/
Ich mache ja seit 2004 Kinderbetreuung und hatte schon so manches Mal die lieben Eltern, aber meist die Mütter, quer im Hals ob ihrer übertriebenen Kontrollsucht und Ängstlichkeit.
Da man Kindernicht rund um die Uhr behüten und beschützen kann, sollte man ihnen ruhig ein wenig mehr Freiheit gönnen.
Lieben Gruß von Clara

Sati hat gesagt…

Ein wunderschöner Text, Clara - den ich schon einmal schmunzelnd, lachend, jubilierend bei Dir las ... danke dafür, Sati

Sati hat gesagt…

@ Clara ... eine alte Frage tauchte auf: Sind nicht die Seifenkistenfahrer von gestern die Eltern von heute?
Und sitzen nicht viele ehemalig-wilde 68-er heute fett im Lobbyisten-Lobbys?
Irgendwas - ist da wohl falsch gelaufen. Denke ich so bei mir, öfter. Dennoch - ein schöner Text!
Einen guten Tag wünsche ich Dir, Sati

Clara Himmelhoch hat gesagt…

Den Medien, den Elektronikspielen, der hetzigen Arbeitswelt, der übersteigerten Angst der Leute und anders auch den vielen Gedanken um sich selbst herum - den gebe ich einen Teil der Schuld. Ich sage immer, man muss eine Kindesentführung nicht drei Tage in allen Einzelheiten auf dem Schirm haben - und dann bringen die Eltern ihre Kinder noch mit Sicherheitsservice auf die Toilette. - Ich bin oft froh, nicht mehr jetzt Kinder zu bekommen.
Mit Gruß von Clara

Sati hat gesagt…

Lach - mit Sicherheitsservice zur Toilette ... aber so ist es wohl.
Ich habe schon damals keine bekommen wollen - ich hätte mich ihnen nicht zumuten wollen. Du scheinst ja eine echte "Berliner Schnauze" zu haben - das meine ich als Kompliment, schön bissig, wenn es sein muß. LG, Sati