Dienstag, 10. Juli 2012

Schräge Vögel ...

Stellte mich neulich - "todesmutig" - an einen Halteplatz in der tiefsten Wallachei. Äußerster Kolonie-Zonenrand. Habe das noch nie gewagt, mich dort hinzustellen. Dachte - ok, Freitag nachmittag, vielleicht irgendwo ein Business-Kunde, immerhin ein Industriegebiet in der Nähe und eines der feudalsten Wohn- bzw. Villenviertel der Kolonie, in dem ich zuvor einen sehr sympathischen, älteren Herrn absetzte. Das Experiment dauert 70 Warteminuten, bis die Erlösung kommt. Ist mir aber egal bzw. ich geniesse die Ländlichkeit der Umgebung - und die Ruhe dort.  Zwischenzeitlich kommen sogar noch zwei mir bekannte KollegInnen hinzu, was mich beruhigt - kann also kein Total-Flop werden. Hätte es aber werden können .... Ich fuhr also eine kluge, junge Frau zum Job in einer Bäckerei. Relativ gute Fahrt für mich, auf die andere Rheinseite, ihr Auto war kaputt. Was für eine Anreise für sie jedes Mal. Sie hatte Dienst von 15 bis 22 Uhr - und wir unterhielten uns über diesen Unsinn der Kunden, stets frische Brötchen zu verlangen bis in den Abend. Waren uns einig, das alles müsse nicht wirklich sein - nicht die Ladenöffnungszeiten bis 22 Uhr in Vororten, in der City bis Mitternacht - und sicher nicht diese Müllberge an weggeworfenem Brot. Freue mich mal wieder über einen reflektierten Mitmenschen, besonders über sie, weil noch sehr jung ist und den Irrsinn sehr wohl sieht.  Gegenüber ihrer Arbeitsstelle gibt es einen Halteplatz, an dem ich direkt wieder ansetze. Auf diesem treffen sich Tag für Tag die immergleichen Obdachlosen - un schwaden sisch die Schnüss platt (reden viel Unsinn).  Sie erzählt mir, daß sie diese bereits "kennt", die kämen aus Bonn. Ich frage überrascht "Wie bitte?" Ja, die kämen aus Bonn. Ich muß lachen - und sage ihr "Ach - gibt es in diesem Metier auch schon Pendler?!" Das ist wirklich komisch. Frage mich laut - wieso die denn nicht in Bonn bleiben und da zusammenhocken, sich die Schnüss schwaden und Bier trinken? Sie - weiß es auch nicht.
Am Halteplatz habe ich zügig die Spitze. Stehe neben der Limousine. Plötzlich quatscht mich einer von hinten an "Entschuldigung ...." Ich drehe mich um und erblicke einen dieser Pendler neben mir, einen Kopf kürzer als ich, leicht schwankend.  "Äh .... Entschuldigung .... fahren Sie denn schon lange Taxi?" Ich gucke mir den an und antworte "Was möchten Sie denn gerade genau wissen?" Naja, äh, ob ich denn schon lange Taxi fahre .... Sage "Ich kann Ihnen gerne den Weg erklären, wenn Sie möchten - aber meine Person geht Sie nichts an."  "Ach ja, da haben Sie recht. Entschuldigung. Dann - wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende." Ja, danke - ebenso.
Wat war dat denn? Eine Mutprobe? Egal .... bin erstaunt, nicht mal genervt zu sein. Lache mir einen über diesen Vogel. Extra aus Bonn angereist? Kann es immer noch nicht recht glauben.
Später stehe ich am Platz des himmlischen Friedens - wieder Spitze und wieder vor der Limousine - und sehe schon von weitem einen weiteren Vogel anlanden. Dieser - spricht gaaanz leise, vielleicht, damit es die Kollegen nicht mitkriegen, die ebenfalls draußen stehen, aber im Schatten unterm Baum? Wieder einer, der einen Kopf kürzer ist, als ich. Ob ich wohl mal eine Zigarette für ihn hätte? Ich antworte: "Tabak. Zum Selberdrehen." Ob er das wolle? Gebe ihm den Tabak - er meint, er hätte das erst einmal gemacht. Ich reagiere nicht - wie früher, als ich noch mütterlich-fürsorglicher war und mich sozusagen verantwortlich fühlte für alles Elend dieser Welt. Er nimmt sich aus dem Päckchen heraus, was er braucht - und ich frage dann doch noch, ob er das denn auch hinkriegt?  Der - grinst mich breit an - schon fertig! - und fragt, ob ich denn auch Feuer hätte?  Huch - sage ich - das ging ja jetzt ratzfatz! Ja, er hätte sie gefaltet. Und lacht. Meint kichernd "Bin schon wieder mal pleite" - wir haben Monatsanfang.  Schön, daß er es mit enem skurrilen Humor nehmen kann. Ich gebe ihm also Feuer - und er bedankt sich, alles ganz leise .... und schleicht sich davon.
Ich frage mich - ob diese Begegnungen wohl zunehmen werden in nächster Zeit? Schauen wir mal. Eigentlich zwei nette, schräge Vögel.

2 Kommentare:

Wildgans hat gesagt…

Ich mag, dass und wie Du mit schrägen und unschrägen Leuten umgehst...Deine grundsätzliche Menschenliebe, so frank und frei ganz ohne Helfersyndrom!
Gruß von Sonja

Sati hat gesagt…

Das ist weniger Menschenliebe, als Egoismus. Im Grunde - trifft man immer nur auf sich selbst. In unzähligen Varianten. Wenn man das weiß - ist es einfach, den Anderen in Ruhe zu lassen. Stelle in jüngster Zeit etwas sehr Interessantes fest: Immer, wenn ich mich nerven lasse, liegt es schlicht daran, daß i c h die Situation nicht aushalte.
Was das Helfersyndrom betrifft: Es fühlt sich für mich einfach besser an, dem Anderen zuzutrauen, daß er sein Leben schon meistert. Tut er/sie ja - oft schon viele Jahrzehnte.
So ein überzogenes Helfersyndrom ist daher - m.E. - eher eine Beleidigung an die Fähigkeiten des Gegenübers.
Gebe aber gerne mal eine Hand, wenn erwünscht - nur nicht mehr den ganzen Arm.
Liebe Grüße, Sati