Montag, 20. August 2012

Man sieht sich immer zweimal - habe dazugelernt

Der junge besoffene Typ, der gleich wiederkommen wollte und mit mir eine 30 Euro-Fahrt machen wollte - ohne Rabatt und Dumping - ist noch nicht wieder zurück, er steht noch da hinten und redet mit einem Kumpel. Ich stehe bereits hinter der Spitze, ein Großraum-Taxi. Registriere eine ältere "Dame", die auf uns zusteuert in Begeitung des Kaufhof-Portiers. Dieser schiebt ihren Einkaufswagen. Die "Dame" - kenne ich, erkenne ich sofort wieder. Fuhr sie vor ein paar Jahren schon mal - um die Ecke. Die Kollegin vor mir steigt aus und will beim Einsteigen behilflich sein - wird aber übelst beschimpft von der "Dame", denn diese ist in Wirklichkeit eine üble Tyrannin, die es sichtbar genießt, die Mitmenschen zu beschimpfen und herumzukommandieren, auf eine solche Weise, daß viele wirklich irritiert sind. Leider - kommt sie auf mich zu, nachdem sie die Kollegin angefahren hat, wie sie bloß auf so eine dämliche Idee komme, mit so einem Auto hier zu stehen, das sei ja das Letzte! Die Kollegin kennt den Fresen noch nicht und bleibt etwas verstört über einen derartigen Angriff zurück.
Ich denke - naja, dann eben keine 30 Euro-Fahrt, wäre eh anstrengend geworden mit dem, sondern 5 Euro und ein gutes, psychologisches Training. Dieser Portier heute - hat bessere Nerven als der damals, den sie völlig fertig gemacht hatte und der zitternd zurückblieb. Ich grinse ihn an und sage laut "Ist es nicht ein schöner Tag heute!" - Ja, das ist es. Er weiß Bescheid. Ist übrigens ein "Neger" - ich denke plötzlich etwas Komisches: Der weiß damit umzugehen, der hat ein Gefühl dafür in den Genen bzw. in seiner Geschichte ... ist es gewohnt, von den Leuten als Sklave behandelt worden zu sein - bzw. die Ahnen. Und der bleibt sehr gelassen.
Während ich ihm also grinsend und unterschwellig mitteile, daß ich den Fresen kenne ... wettert der Fresen schon lange laut herum, aber ich stelle fest, daß ich gar nicht zugehört habe. Ihre Tüten lade ich explizit nicht wie gewünscht auf die Rücksitze sondern entscheide, daß die in den Kofferraum kommen. Weil sie es ist.
Der Fresen zetert - ich könne jetzt einsteigen. Ich grinse immer noch den Portier an und verdrehe die Augen .... sage - ich mache das schon. Von innen "Ich habe doch jetzt schon dreimal gesagt, daß Sie  einsteigen können. Ich höre die gar nicht - wirklich nicht - und bin sehr zufrieden mit mir.
Bleibe neutral-höflich, der Portier bleibt nervlich-stabil .... prima.
Als ich im Cockpit sitze, frage ich "Wo möchten Sie hin?" "Nach Hause." Aha - die gleiche, dumme und provozierende Antwort wie damals. Manchmal habe ich ein Elefantengedächtnis. Und ich weiß auch noch, wo die wohnt. Denke - Du wirst mich nicht kriegen diesmal, meiue Liebe - ich kenne Dich bereits.
Sie zetert - über den Großraumwagen an der Spitze - ich sage nichts. Links rum. Ja. Sie merkt was, und ich wundere mich, daß sie überhaupt was merkt. Sie merkt, daß sie nicht durchkommen wird, hat es wohl schon beim Einsteigen gemerkt. "Wir fahren in die Dingens-Gasse." Ja, ok. "Ach wie schön - endlich mal jemand, der weiß, wo das ist." Ja. Sie erkennt mich nicht wieder, was mich freut. Und ich freue mich gerade - feststellen zu dürfen, daß ich eine Menge dazugelernt habe in den Jahren. Das es möglich ist, nonverbal klare Grenzen zu setzen. Und das es sogar möglich ist, einen solchen Fresen in gewisser Weise den Raum zu lassen - ihren Raum, den sie scheinbar braucht, weil sie verbittert und unzufrieden ist - was ich aber sicher nicht zu meinem Problem werden lasse. Jemand, der derart um sich schlägt - wird wohl eine Geschichte dazu haben. Ich werde sie mir aber sicher nicht anhören. Ein bischen erschrocken bin ich dann doch noch während der Tour um die Ecke, denn sie wird geradezu freundlich und zahm. Gibt ein schönes Trinkgeld und bedankt sich aufrichtig für die gute Fahrt. Als ich ihr die Taschen in die Hand drücken möchte ... bringt sie es nicht fertig, mich um Hilfe zu bitten. Die Taschen sind schwer für ihre körperliche Verfassung und ich sage "Ich stelle ihnen die vor die Tür." Sie freut sich und bedankt sich tatsächlich nochmal. Geht doch!
Sehr interessant, wie sich beide Begegnugen im Abstand von ein paar Jahren unterscheiden. Beim ersten Mal habe ich mich noch "kriegen lassen" von ihrer unmöglichen Art. Es ist eine etwas seltsame Art, mit Rundumschlägen um ein wenig Aufmerksamkeit zu betteln. Fast tut sie mir leid - das muß sehr schmerzlich sein, derart durch die Welt zu gehen.
Aber in erster Linie bin ich zufrieden mit mir selbst. Neutral höflich und soviel "Respekt" vorm schrägen Gegenüber, wie eben möglich - ist ein gutes Rezept für viele Situationen.

2 Kommentare:

Wildgans hat gesagt…

"Fresen"- was für ein merkwürdiges Wort, mir bis dato unbekannt. Gutes Fresen handling...was meinst du, wie viele Aufmerksamkeitshungrige es in der Schule gab- genau solche Aufführungen von absurdem Theater, immer vor neugierigem Publikum. Da habe ich gewaltig gelernt! Haben wir was gemeinsam:-)
Die Jahre lassen ein gewisses "Drüberschweben" zu. Es hat was gekostet.
Gruß von Sonja

Sati hat gesagt…

Hat es was gekostet? Hmmhh ....
Du meinst vermutlich Nerven, vermute ich. Mir hat es eher viel

(ein-)gebracht - im Umgang mit schwierigen Leuten.
Und - obwohl ich inzwischen gerne mal wieder etwas Anderes tun würde - muß ich sagen, daß es schon praktischem Lernen entspricht. Das lernst Du auf keinem Seminar, nur im Leben.
Wobei - der Umgang mit Kindern und Jugendlichen nochmal ganz andere Herausforderungen mit sich bringt.
Fresen - ist kölsch. Du kommst doch ursprünglich aus der Region.

Hab´s mal eben rausgesucht und muß gestehen, ich habe ein "e" vergessen.
"Freese - gemeint ist das kalte Grauen, was man bekommt, wenn man einen schrecklichen Menschen sieht. Wird jemand so bezeichnet, ist er die Ekelhaftigkeit in Person. Auch: Friko!"
Liebe Grüße, wie immer, Sati