vom 16.05.2010
Manchmal ist es schon sehr erstaunlich in dieser elfenbeinfarbenen Blechkiste. Die Stadt fühlt sich sehr ruhig an - vermutlich sind viele weggefahren über´s lange Wochenende - und du sitzt locker eine Stunde in der Kiste rum, bevor jemand deine Dienste anfordert. Wenn´s denn schnell geht - und bei dir nicht am Ende noch zwei Pünktchen als Wartezeit auf dem Display erscheinen, weil dieses mangels weiterer Anzeigekapazität nach 99 Minuten nicht mehr aufwärts zählen kann. Dann - kommt dein Fahrgast ... und der hat es toootal eilig und muß gaaaaanz schnell zum Dings oder nach Bums. Oder sie sirnd ist irgendwie anders geladen, da gibt es ja unbegrenzte Möglichkeiten. Und natürlich will dieser Mensch gerne die Gelegenheit nutzen, ein bischen von seiner hochkonzentrierten Energie wieder runterzuladen, gerne bei dir im Separée, wo du ja nicht komplett entfliehen kannst, weil du diesen Menschen gerade transportierst und dabei auf allerhand Äußerlichkeiten achten mußt - und wenn es nach manchen Personen geht, am liebsten auch noch besonders auf ihre speziellen und im schlimmsten Falle persönlichen Bedürfnisse. Also etwa die Palette zwischen verschiedensten Luftzufuhr-Präferenzen, Hörgewohnheiten und und und ... nach oben trichterförmig offen.
Heute hatte ich nach längerer Zeit so einen Fall von "alte Dame, äußerst energisch winkend, um auch ja nicht übersehen zu werden". Ich hole sie vor einem Krankenhaus ab, sie hat ein Taxi geordert und so gibt es im Grunde keine Not - denke ich, während sie mir schon auf jede Menge Entfernung hin wild zufuchtelt. Ich nehme die ordnungsgemäße Auffahrt, was sie anscheinend zu nochmehr fuchtelnden Bewegungen veranlasst, und fahre geradewegs auf sie zu. Das reicht ihr nicht. Sie wartet nicht, bis ich bequem die rechte Fahrzeugseite vor ihr zum Stehen bringen kann, sondern wechselt auf die linke Seite, fuchtel fuchtel fuchtel - vielleicht möchte sie ja überfahren werden, wer weiß? Ich fluche schon auf dem Anfahrtsweg vor mich hin "Jooooo! Et es jo joot, isch bin doch jlisch bei d´r!" (vornehm: Bin gleich bei Ihnen) und freue mich, daß ich das alles nicht mehr wirklich ernst zu nehmen brauche. Im Laufe der Zeit habe ich eine dicke Lederhaut bekommen, meinen Humor nie wirklich verloren und verfeinere diesen nun mit Freude. Habe gelernt, wie ich verschiedenste Energien bei Bedarf auch an mir abprallen lassen kann. Dafür - zolle ich den elfenbeinfarbenen Limousinen, Kombis und anderen Modellen sowie den Haltern derselben, mit denen ich mich in Kontrakt befunden habe, von Herzen Dank!
Diese energische Dame also - und Energie hat die wirklich, alle Achtung! ein echter Quirl, positiv gemeint, kein Jammerlappen im herkömmlichen Sinne, sondern zäh - deswegen kann ich ihren Redeschwall auch freund-lich entgegennehmen - schwaad misch mööd für 7,50. Das war Kölsch und heißt soviel wie - sie hat mir auf einer Strecke von 7,50 Euro einen Großteil ihres recht anstrengenden Lebens berichtet ... und ich freue mich, daß ich nur wenig intervenieren brauche, damit ich noch ein wenig Augenmerk auf die Strasse richten kann. Sie berichtet von ihrem schwerkranken Mann, von anderen bereits Verstorbenen und deren schlimmen Krankheiten etc. pp. Auf eine Frage, ob ich "mir das wohl vorstellen könne", sage ich nur ein "Nö, und das möchte ich auch gar nicht." Langer Rede kurzer Sinn: Sie ist einfach ziemlich fertig und ihre Geschichten dahinter würden mich auch fertig machen .... doch am Ende geht´s drum, daß auch sie mich heute schlicht ans Wesentliche erinnert, indem sie - als Fazit für sich selbst aufgund ihrer eigenen vielen Geschichten sagt: "Wissen Sie was - das Beste ist wirklich, wenn man jeden Tag so lebt, als sei es der letzte." Ich anworte ihr gerne und aufrichtig: "Da haben sie jetzt was Wahres gesagt!" Und schon - sind wir uns einig - ohne daß es weiterer Worte bedarf.
Ich bedanke mich in Gedanken noch bei ihr und bei vielen anderen Menschen & Quellen für die Erinnerung - während der folgenden öden 70 Warteminuten auf Godot (der dann heute freundlicherweise im allerletzten Momemt doch noch erschien).
Freitag, 4. Juni 2010
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