Mai 2010
Kürzlich fragte mich mein Nachbar - ein frisch pensionierter Fernfahrer - ob ich noch Taxi fahre. Ja, tue ich. Darauf sagt er "Taxifahren ist doch Scheiße." Ich lache - ein Teil in mir gibt ihm durchaus recht. Er erzählt mir, daß er früher auch mal Reisebus gefahren ist und ich revanchiere mich mit einem ahnenden "Ach du Scheiße." Ja, und wenn es zu schlimm wurde da hinten, ist er einfach mal in die Eisen gegangen ....
Heute abend höre ich plötzlich auf meiner letzten Tour für diese Schicht "Es gibt nichts Schöneres im Leben als Taxifahren!"
"Ach?!" meine ich "Dann ist es ja gut, daß ich das jetzt auf diese Weise auch noch erfahre." Dieser ältere Herr hatte mir kurz zuvor bereits eine Art Quizfrage gestellt und ich habe mir gerade noch eine sarkastische Bemerkung diesbezüglich verkneifen können - nun outet er sich doch noch auf der zweiten Hälfte der Strecke und gesteht, daß er 42 Jahre lang gefahren ist (andere outen sich erst ganz am Ende). Vorzugsweise nachts. Deswegen haben wir auch unterschiedliche Standpunkte hinsichtlich der aktuellen Wetterlage und deren Einfluss auf das Geschäft. Ich will Regen am Tag, denn ich bin ja die Tagschicht - und er meint, es gibt nichts Besseres als so einen wunderbaren Sommertag, alle sind draußen und unterwegs, und dann am Abend - so gegen 21.30 so ein richtiger Wolkenbruch, herrlich!
Ich lache innerlich und äußerlich über den göttlichen Humor, der mir diesen Menschen schickt, welcher mir in wenigen und sehr treffenden Sätzen diese Achterbahn der Gefühle in diesem Job beschreibt - auf meine wiederholende Nachfrage hin "Ist Taxifahren wirklich nur schön?".
Hat sehr viel Klarheit, was er sagt. Und wir sind uns einig, daß es einiger gewisser Grundvoraussetzungen in Form von Eigenheiten und Eigenwilligkeiten bei den Menschen bedarf, die diesen Beruf ausüben.
Was er da in kürzester Zeit auf den Punkt bringt, kann ich jederzeit unterschreiben. Und so prägnant und offen habe ich es noch nie gehört. Immerhin sprechen wir gerade über Gefühle, die in diesem Job auftauchen, hochschnellen, wieder abflauen. Nicht einmal im Detail, aber es ist alles sonnenklar und ich sage aufrichtig "Na, da bin ich ja froh, daß ich mit alldem in guter Gesellschaft bin - dachte schon, es hätte was mit mir zu tun."
Es ist genauso, wie er sagt: Ein, zwei, vielleicht drei Tage liebst du diesen Job (persönliche Anmerkung von mir: Fast schon euphorisch manchmal - wie z.B. bei solchen netten Ereignissen wie Fussball-WM oder aktuell Eishockey-WM) und dann mußt du wieder durch derart maue, flaue Dinge durch, daß du ihn geradezu hasst, diesen Job. Er formuliert es anders, auf seine eigene Weise, die viel trefflicher ist als die meine. Ich sage nur ergänzend, daß es für mich manchmal so eine Art "Hassliebe" ist - und er erwidert "Ja, so kann man es nennen."
Erstaunlich ehrlich und klar, diese Begegnung. Am Ende bekomme ich noch einen Orden für excellentes, hervorragendes Fahren verliehen, obwohl ich eine Frau bin. Ich lasse ihm das gerne durchgehen, immerhin stammt dieser alte Herr aus einer komplett anders sozialisierten Generation - sage nur "vielen Dank - ich bin halt eine sehr versierte Fahrerin - und das mit den angeblichen Frauen am Steuer ist doch eh kompletter Blödsinn".
Auf der Rückfahrt nach Hause bin ich echt baff erstaunt über eine derart scharfe Zusammenfassung!
Freitag, 4. Juni 2010
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