Mittwoch, 30. Juni 2010

Unerwünschte und erwünschte Vertrautheiten

Neulich habe ich nachgedacht - in welcher Branche wirst du eigentlich sonst noch wie selbstverständlich von Fremden geduzt, als sei man vertraut und säße in einem Boot - in diesem Fall eben in der elfenbeinfarbenen Mercedes-Limousine?
Ob es der enge Raum ist, der für eine vermeintliche und von mir eventuell überhaupt nicht erwünschte Vertraulichkeit sorgt?
"Fahr mich mal nach .. dings ....." ist dabei noch die harmlose Variante. Sie müssen nicht einmal betrunken sein für diese Art von Respektlosigkeit (und ich trete deswegen nicht zurück wie Köhler´s Soft-Horsti, sondern lerne meine Lektionen!). Fahr mich mal nach ... dings ... Määdsche" ist eine leichte Steigerung. Immerhin bin ich in wenigen Jahren ein halbes Jahrhundert alt....
Aber auch das - ist eine harmlose Variante. Lebe ich schließlich in einer Kolonie, in der es derartige umgangssprachliche Gewohnheiten gibt - die durchaus auch eine Schönheit und manchmal sogar Wärme haben .
So sage ich selbst auch in verschiedenen Situationen dieses typisch kölsche "junger Mann" und/oder "junge Frau", egal wie alt der Mensch ist. Manche freuen sich gar drüber - und fühlen sich für einen Moment lang lächelnd erkannt.
Bevor ich diese Lederhaut hatte - habe ich mich über die ungewollt-intime Duzerei schon mal aufgeregt. Gerade kürzlich sage ich noch zu einem Typen mit ca. 3,5 Promill "Können wir bitte beim Sie bleiben?" - und er hat´s sogar gerafft. Bis zur nächsten Ecke. Will sagen: Es ist auch ein Stück Kultur hier in der Kolonie, sich unter Einheimischen ggf. zu duzen. Oder aber die ursprüngliche und richtig höfliche Form der Ansprache zu nutzen, die da höfisch-vornehm lautet. "Ihr". Das geht dann etwa so "Fahrt mich mal bitte zur Dingens-Strasse...." "Un, hadder vell ze dun?" (Und, hab Ihr viel zu tun?).

Entscheidend ist letztlich - wer mich da duzt und welche Schwingung mit rüberkommt. So ist es manchmal einfach eine pure Freude - wenn es wirklich alteingesessene Kölsche sind, die mich so ansprechen. Kürzlich fuhr ich ene eschte kölsche Jung von etwa .... 75? Mit strahlend blauen, funkelnden, lebhaften Augen und einem äußerst angenehmen Temperament. Der durfte mich sehr gerne duzen und sogar "Liebschen" sagen - und ich hatte meine helle Freude an ihm. Weil - es einfach (s)einer direkten, ehrlichen und aufrechten Lebensart entsprach. Anders gesagt:  Der war authentisch. Der ist so.  Nichts gespielt - und viel Herz. Dieser kölsche Galgenhumor dazu: "Maach d´r kein Sorje - et kütt noch von janz allein vell schlemmer ..." Mach dir keine Sorgen - es wird noch von alleine viel schlimmer werden. Einfach köstlisch, so ein Humor!

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