Was für ein Unsinn. Ein Taxi-Innenbereich ist ein relativ geschützter, sehr enger Raum. Dieser hat nicht die Bohne mit "Volkes Meinung" oder "Volkes Stimme" zu tun. Komisch, wie sich dieses Klischee von TaxlerInnen als "Informationszentrale des kleinen Mannes" hält. Völliger Unsinn. Auf den Autos sitzen viele Tausende verschiedene Menschen - äußerst verschiedener Kulturen - mit äußerst verschiedenen Lebensläufen - und sehr verschiedenen Bildungshintergründen. Da gibt es pro einzelner Fahrt nur genau soviel zu erfahren, wie der mensch am Lenkrad bislang selbst erfahren hat und von seinen subjektiven Erfahrungen weitergeben möchte. Wenn überhaupt.
In einem mit Blech gegen die Außenwelt abgeschotteten Raum - gibt es während einer einzigen Fahrt nichts zu erfahren. Ich empfehle hier dringend - sich mal für mindestens vier Wochen (Minimum - damit wenigstens der Hauch von Gewohnheit und Routine erahnt werden kann) 12 Stunden am Tag selbst in die Kiste zu setzen - all inclusive - und da das wohl niemand tun wird, noch eine simple Alternative: Mal wieder ein paar Tage lang auf zwei Beinen mit wachen Sinnen durch die Gegend zu streifen und den eigenen Visionen sowie der eigenen Nase nachzugehen.
Aber was soll´s - Projektionen diffusester Art - sind wir wohl alle gewohnt, die wir in dieser Branche unterwegs sind.
Auch und besonders beliebt solche Projektionen auf die Welt, bei denen geradezu fieberhaft erwartet wird, daß unsereiner grundsätzlich nichts Anderes im Sinn hat, als die Fahrgäste über unnötige Umwege zum Ziel zu bringen, um am Ende wenige Cent mehr in der Tasche zu haben. Viele erwarten geradezu, betrogen zu werden - sind vermutlich schwer geknickt, wenn sich ihre Vorstellung, im Leben grundsätzlich beschissen zu werden, nicht bewahrheitet. Nicht einmal beim Taxifahren, was für ein Frust.
Andere erwarten, daß Du die Stadt wie Deine Westentasche kennst. Die Einen glauben, Du kennst ihre Welt, also jede üble Kneipe und Spelunke, die Nächsten meinen, Du müßtest wissen, wo welcher Arzt praktiziert - ihre Welt, glücklicherweise nicht meine. Der Familienvater, der heute die Kinderchen abholt, glaubt, Du solltest doch wenigstens jede Schule in der Millionenstadt kennen.
Nie zuvor habe ich einen Job gemacht, auf den jeder und jede ihre ureigenen Phantasien derart plakativ projizieren. Und momentan kann ich mir auch keinen anderen vorstellen, bei dem mensch auf derart vielfältig-verrückte Projektionen trifft. Falls jemand einen Job kennt, auf den noch wilder projiziert wird - ich schule um und lerne dazu.

2 Kommentare:
Vielleicht Krankenschwestern...die Patienten haben viel Zeit...ich kenne welche, wo dann so alte Knacker sich zum Gewaschenwerden freimachen und zur Schwester mit ihrem aufgerichteten Teil genüsslich sagen: Nun machen Sie mal...Woraufhin die geschulten Damen stets einen männlichen Krankenbruder holen...höhö.
Deinen Job stelle ich mir auch in DER Hinsicht schwierig vor, dass man sich doch alle Naslang verlieben kann- oder? Allein schon die Menge von wunderbaren Augen, in die man schaunen kann- und wenn deren Inhaber mit einer irren Samtstimme zu sprechen beginnen....da sind sie ja, meine Projektionen....
Gute Fahrt- wünscht Sonja
Hmmmh .... ich bin sehr verliebtheitsresistent. Verliebe mich immer nur für wenige Momente - und auch dann meist nur in die Momente, in denen eine verliebenswerte Begegnung stattfindet
Was die Krankenschwestern betrifft: Die brauchen ein richtig dickes Fell. Gut, wenn sie ihre Kollegen rufen können! Ansonsten würde vielleicht auch ein sehr sehr rauhes Frotteetuch helfen.
LG, Sati
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