Montag, 12. März 2012

Beloved Miss M. und eine Lektion in Sachen "radikale Selbstfürsorge"

Gestern - ein weiterer, sich zunehmend verdunkelnder Tag auf der Limousine - wiederholt erhellend.
Nichts läuft, nichts geht.
Hoffen und harrren .... tun nur die Narren.
Ich bin ein NARR!!!
Und ich will was TUN !!!
Jeden Morgen stehe ich wieder auf - und will etwas tun. Frischauf ans neue Werk. Immer wieder hoffnungsvoll, sicher wird es ein guter Tag, alles wird gut laufen .... gehe nochmal durch die frisch spriessenden Frühlingskräuter, die alle schon ihre Köpfe weit herausrecken und mein Herz am frühen Morgen füllen - alle schon da, meine wunderbare Schafgarbe = die "Augenbraue der Venus", der sich durch jede Asphaltritze seine Bahn brechende Löwenzahn, die saftige, kraftspendende Brennessel und viele andere, die sich erst später namentlich zu erkennen geben, doch ihr gelbgrün aufspringender Geist ist überall zu erkennen.
Erfreue mich dazu seit Wochen schon außerordentlich am Morgenkonzert der Vögel. Die Osterglocken blühen überall unaufhaltsam auf, die Knospen der Bäume und Sträucher sind aufgebrochen, ich befühle die haarigen Kätzchen an dem knorrigsten Exemplar .... 
All diese Schönheit offenbart sich mir an jedem frühen Morgen -  und am Mittag habe ich die Schnauze gestrichen voll ob dieser Sinnlosigkeit des Ausharrens und Wartens in einem Blechkasten. n
Zu dem Traum der totalen Verdunkelung dieses Teils der Kolonie gesellte sich heute abend eine tote Amsel vor meinem Fenster.
Alles - überlebt.
Nix wie weg hier.

Die letzte Fahrt gestern mit Frau M. - eine gute Fahrt, die den Tagesumsatz eines mehr als sinnlosen Tages gerade noch ins Glimpfliche bringt. Am Ziel läßt Frau M. hören, daß sie kein Geld dabei hat. Ob ich eben mit hochkommen will? Ich sage ihr, ich warte - sie soll mir den Salär einfach gleich runterbringen.
Frau M. ist Afrikanerin - und ich wache nochmal kurz auf. Hallo, Sati?! Das kann dauern ... Afrikaner haben von Haus ein etwas anderes Zeitgefühl als Du!
Und Frau M. . hat offensichtlich Stress mit ihrem Gatten. Kann also gut sein - daß die ja jetzt endlos palavern - und mich längst vergessen haben. Gehe also zum Haus und durchsuche alle Klingelschilder nach afrikanischer Namensschreibung. Was da steht, ist mehr als abenteuerlich. "Klingeln sie bitte in der Soundso-Strasse, diese Klingel hier funktioniert nicht" - u.a. .... Ich werde ungehalten und klingel einfach mal das halbe Haus an. Bis ich merke, daß die Tür eh zu öffnen ist.
"Hallo???" Frau M. versucht gerade, ihre Nachbarin anzupumpen, um ihre Taxifahrt zu bezahlen. Klappt nicht, die hat keinerlei Kohle im Haus. Ihren Mann erreicht sie nicht. Sie sagt zu mir "Dann müssen Sie eben die Polizei rufen." Ich erwidere "Was für ein Unsinn. Was sollen wir bitte mit der Polizei?!!" 

Frau M. gibt mir ihr Handy in die Hand und sagt - geben sie mir Ihre Nummer, ich rufe sie nachher an.
Eine Nummer, auf die ich gar keine Lust habe - ich will nicht noch stunden- oder tagelang der Kohle hinterherlaufen. Aber was sonst jetzt?
Frau M. läuft noch um die Ecke - vielleicht ist ihr Mann ja dort - mit ihrer Handtasche in seinem Auto? Ich habe ihr Handy in der Hand und überlege gerade, ob ich nicht besser das Handy als Pfand nehme für die knapp 18 Euro?
Ich glaube ihr sogar - daß sie gerade alles versucht, aber es fruchtet nicht.
Setze mich in die Limousine, die völlig verboten steht - und schreibe in Ruhe meine Telefonnumern auf einen Zettel - Handy und Festnetz. Sage ihr "Wissen Sie - ich glaube, ich nehme jetzt mal ihr Handy als Pfand - dann weiß ich sicher, daß sie mir den Fahrpreis erstatten werden." Frau M. - die ich immer gerne noch mag - flippt nicht einmal aus - aber erklärt mir, daß sie dieses Handy unbedingt braucht, u.a., um ihren Mann mit ihrer Handtasche und ihrem Geld zu erreichen. Sie will mir die Pässe ihrer Kinder als Pfand geben stattdessen. Ich sage - ok - um eine Not wissend.
Pässe ... darf ich gar nicht annehmen als Pfand - und was soll ich bitte damit? Aber ich sage - ok. Will nach Hause (wo ist das?).
Sie bringt mir einen Kinderpass - ich gebe ihr das Handy.
Die Geschichte geht abends weiter über einen verpaßten Anruf und einen Rückruf meinerseits, der mich ärgert - sie will, daß ich nochmal vorbeikomme, sie könne jetzt nicht mehr weg wegen ihrem Baby. Ich sage ihr - liebe Frau, ich werde jetzt keinen Meter mehr fahren nach 12 Stunden auf der Strasse. Sie soll mich nochmal anrufen gleich. Nichts dergleichen geschieht. .
Jetzt - habe ich die Wahl - zwischen Ärger und Loslassen. Ich entscheide mich für´s Loslassen.
Was mich zuvor noch kurz ärgerte, war ihre Anmerkung auf der Strasse "Wissen Sie eigentlich- was ich für Probleme habe?!"
Ich entschied - daß ich es nicht wirklich wissen will  Habe aktuell wahrlich genug selbst zu regeln und gehöre auch momentan nicht unbedingt zu den Menschen, denen der Braten ins Maul fliegt. Obwohl ich - siehe oben - grundsätzlich eher die Lilie im Tal bleibe, die trotzdem blüht.
Und - ich entschied mich gegen einen weiteren, sinnlosen Kampf und meldete mich auch nicht mehr bei ihr.
Ging stattdesen sehr früh schlafen, zwecks echter Erholung.

Heute morgen war ich in der Nähe von Frau M. und rief sie kurz an - wir trafen uns kurz danach an der verabredeten Stelle - ich mag sie immer noch gerne - und sie gab mir mein Geld zuzüglich eines von mir moderat festgelegten Aufschlages wegen dem Zusatzaufwand, den ich mit ihr hatte. Ich mag sie wirklich - aber ich mag es nicht mehr, in die Geschichten anderer Leute gesogen zu werden. So - hat sie mir eine gute Übung beschert - und wir haben uns alles Gute gewünscht, in aller Freundschaft. "Wissen Sie - familiäre Probleme" Ich nicke nur .... und heule fast.
Sie sagt noch "Danke danke" und ich sage "Es ist alles gut. Alles ist gut"  Und "Alles wird gut."

Das nächste Mal - falls mir sowas Ähnliches nochmal  passieren sollte - werde ich knallhart das Handy behalten. Was glaubst Du wohl, wie schnell dann die Leute sind, um dieses auszulösen?! Das dauert keine Stunde ..... nicht alle sind so süß und korrekt wie die Frau M.

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