Montag, 19. März 2012

Frauengespräch der selbstverständlichen Art

Traf auf eine „Schwester im Geiste“ und hörte amüsiert zu, nachdem ich eher scherzhaft ein gemeinsames „Thema“ ansprach. Ich begrüße sie mit „Jetzt hätte ich fast gesagt ´Ach, wie schön – eine Frau!´“ und ergänze grinsend „Das bekomme ich öfter zu hören.“ Sie arbeitet in einem Beruf, in dem es auch jetzt nur etwa 2-3 Prozent Frauenanteil gibt- sie fährt große Maschinen auf Gleisen hin- und her und hat vor bald 30 Jahren gelernt, wie man diese bedient und u.a. große Stahlbehälter mit Transportgütern daran an- und abkoppelt sowie noch einiges mehr, was für den Umgang mit diesen großen Maschinen erforderlich ist.
Vor knapp dreißig Jahren war das noch ein anderer Film als heute und ein männlicher Kollegenfreund gab ihr mit auf den Weg, daß die anderen Herren nur darauf warten würden, daß sie einen Fehler mache – dann wüßte es in Windeseile die ganze Zunft der Republik, bis runter nach München. Sie hatte darauf erwidert, daß sie es doch in einem solchen Fall nur ihren vielen männlichen Vorbildern gleichtun würde – die machten schließlich ständig Fehler. Als eine räumliche Umstruktierung verschiedener Verkehrszweige anstand, sagte man ihr, daß der Boss vom neuen Gelände sie nicht haben wolle. Daraufhin entschied sie: Genau da will ich hin. Und dort ist sie heute noch.
Ihren beiden Töchtern hat sie folgendes mit auf den Weg gegeben: Ihr lernt einen Männerberuf! Wenn ihr keinen „Männerberuf“ lernt und als Verkäuferin arbeitet, verdient ihr heutzutage 800 Euro im Monat – und davon kann niemand leben. Außerdem bleibt ihr Euer Leben lang eine Hilfskraft. Wenn Ihr einen „Männerberuf“ lernt, verdient ihr soviel, wie ein Mann verdient – und mancher Mann leistet sich von dem, was er verdient eine Wohnung oder ein Haus, eine Familie, eventuell eine Geliebte, ein Auto und seine Hobbies.
Soweit die Ansage. Tatsächlich haben beide Frauen technische Berufe studiert. Wollten wohl erst gar nicht Friseuse oder Verkäuferin werden. Manchmal klappt´s mit den gutgemeinten Ansagen.
Natürlich - ist auch diese Beschreibung von "Männerberufen" - besonders in diesen sich wandelnden Zeiten - nur mit Einschränkungen zu geniessen -ich arbeite ja auch in einem immer noch vorwiegenden "Männerberuf" - und wie mein Lieblingskollege es gestern morgen noch so gewohnt sonnig formulierte: "Naja, ich habe ein Dach über dem Kopf und für ein Bier und eine Scheibe Brot reicht es auch immer noch."  
Über weitere lustige Themen wie („kann ich ein Frauentaxi bestellen?“ - nein, nicht über die Zentrale … hier: anderes Thema) „Frauenärzte“ kommen wir u.a. auf das neue, alte Gesetz, welches vor wenigen Tagen in Afghanistan verabschiedet wurde. Und auf Beschneidung. Also knallharte Kastration kraftvoller, weiblicher Lust und Energie, meine Ergänzung hierzu - für die, die es nicht wissen wollen oder sollen.
Sie erzählt mir von Saudi-Arabien, dort sei wohl die Beschneidung vor einiger Zeit so gut wie verboten worden – bis einige sehr wohlhabende Scheichs die Aufrechterhaltung dieser „Tradition“ erkauft haben.
 Als ich anmerke, daß leider auch viele Frauen in den betreffenden Ländern diese „Tradition“ aufrechterhalten, weil sie nicht den Mut haben, auszuscheren aus dem Wahnsinn, spricht sie mir weiter aus der Seele und betont genau dies nochmal: Es sind vorwiegend die Frauen, die es für sich ändern müssen. Die Frauen sind die Mütter, die sowohl ihre Töchter als auch ihre Söhne „erziehen“. Sie habe ihren Töchtern immer gesagt, daß sie alles können, was sie wollen – und auch alles, was die Männer können. Auch den Einwand von eventuell geringerer Körperkraft läßt sie nicht gelten – sie selbst hat sich ggf. in der eigenen Not Werkzeuge und Maschinen zuhilfe genommen, bis das geklappt hat, was klappen sollte.
Diese angebliche „Emanzipation“ sei in gewisser Weise ein Witz – auch, solange die Frauen nicht mal eine Kiste Wasser selbst die Treppe hochtragen würden.
Frauen wären sehr stark, könnten immerhin auch die Kinder gebären und noch viel viel mehr. Frauen hätten früher am Feldrand selbst geboren, ohne fremde Hilfe. Es habe keine Leiden wie Wechseljahre oder Alzheimer gegeben – was aber vielleicht daran liege, daß die früher auch nur 35 geworden seien ob der Plackerei.
Sie ist richtig in Fahrt – und ich bin begeistert über ihre „fundierte Argumentation“. 1890 sei in der Schweiz die letzte „Hexe“ verbrannt worden, was ohnehin eine Lüge sei, denn es habe noch nie eine solche „Hexe“ gegeben. Es seien immer nur Frauen verbrannt worden und noch nie eine „Hexe“. Ich bin echt erstaunt über diese Jahreszahl – 1890.  Nicht wirklich lange her …. Hatte mich vor Jahrzehnten recht intensiv damit auseinandergesetzt, aber 1890 verblüfft mich heute kurz. Nur kurz – schließlich brauchte der letzte Kanton der Schweiz bis in die 1990er Jahre, um den Frauen das Wahlrecht „anzuerkennen“.
Zu guter Letzt: Es geht uns beiden nicht darum, irgendwen „gleichzuschalten“. Schlicht darum, daß sowohl Männer als auch Frauen gleichermaßen etwas schaffen können, wenn  sie es denn wollen. Und darum, daß Frauen sich mehr nehmen müssen – wenn sie es denn wollen. War sehr erquicklich, diese Schwester.
Sie erzählt mir noch eine sehr lustige und liebevolle Anekdote von ihrem Partner, der ihr zuliebe die Wäsche abhängen wollte und dabei sozusagen verunfallt ist … zum Piepen! Ich erzähle ihr nur sehr kurz von einem ehemaligen Vater, der 1921 geboren war – und sie jault schon – aber so ist es nicht gewesen, im Gegenteil: Ich habe es als Kind so erlebt, daß dieser Mann sich nie zu schade war,  auch zuhause mitzuarbeiten. Jede Person meiner Eltern hatte eigene „Jobs“ zuhause, sie haben sich Arbeit geteilt und zusammen gearbeitet - z.B. in einem sehr üppigen Schrebergarten.
Bei mir war es der Vater, der mir alles zugetraut hat.  Das – erzählte ich der Schwester im Geiste nicht mehr, doch es verschlug mich am Abend wunderlicherweise im Vorbeifahren und vor dem Abstellen der Limousine nochmal kurz auf den Friedhof, auf dem es seit wenigen Jahren sein Grab nicht mehr gibt. Bin heute eh immer wieder „spazierengegangen“ wähend der Wartezeiten, durch den üppigen Frühling am Strassenrand - alle paar Stunden blüht etwas Neues auf, so schnell kann mensch kaum gucken. War sehr schön zu sehen auf diesem Friedhof: Über diese Stelle des ehemaligen Grabes ist nun tatsächlich viel Gras gewachsen, die letzte Abendsonne schien exakt auf diese ehemalige Zuflucht vom Irrsinn der Kolonie und die alte, knorrige Kastanie darüber entfaltet wieder üppige Blüten.
Vor  etwa sieben Jahren stand ich dort - ohne Wohnung - und bat nochmal um die Hilfe der Ahnen, die in Windeseile kam. Heute grüßten sie mich, ich hatte um nichts gebeten, mit diesem grasbewachsenen, sonnenbeschienenen Platz und ließen mich wissen: Es ist gut, daß Du jetzt gehst. 

Keine Kommentare: