... bekomme einen Auftrag für eine Vorort-Kneipe. Denke "Denk mal lieber gar nichts vorher" - und treffe auf einen recht betrunkenen, aber dennoch friedlich-sanften Urkölner. Als er neben mir sitzt - kommt dieser blöde Spruch "Nit böse sein ...." - Ne, alles klar, bin nicht böse.
"Darf ich singen?" fragt er.
Ich schaue zu ihm rüber - schon fast grinsend - und gebe ein langgezogenes, zweifelndes "Jaaaaaaahhh?" von mir.
"Darf ich?"
Ich meine - "Erst mal auf jeden Fall ja - und dann schauen wir mal weiter, was passiert."
Er beginnt ganz sanft zu singen - kennt jedes Wort des Liedes - und mein Grinsen wird sehr breit. Der macht mir Spaß! Das ist Premiere heute - das einer gerne ein Lied singen möchte während der Fahrt - und dazu noch höflich fragt.
In den Refrain stimme ich gerne ein und im Lauf der Fahrt zu seiner nächsten Kneipe werden wir inbrünstiger. Das ist ein feiner Spaß! Als die nächste Strophe beginnen soll - er trommelt jeweils den Übergang zwischen Refrain und Strophe - meint er "Jetzt bist Du dran!" Ne - geht nicht, kenne ja den Text nicht auswendig. Summe mit .... und dann wieder gemeinsam Refrain.
Das hat was. Mit diesem Fremden gemeinsam singen. Und dazu noch eines der erträglicheren, eigentlich schönen Lieder - von der Melodie her. Also - tatsächlich Singen, nicht etwa Grölen. Wir sind sozusagen beide begeistert und zufrieden. Singen reinigt die Seele - und er weiß das. Eigentlich wurscht - was genau gesungen wird - es ist einfach ein kurzes Eintauchen in eine andere, sehr zeitlose Dimension - zumindest in dieser Stille, in der wir es heute taten. Mein "Highlight" heute.
Kurzer Bitter-Geschmack: An einer Abbiegung geht eine südländische Familie mit ihren Kindern über die Straße - und er meint wiederholt "Fahr sie einfach platt!" Ich reagiere nicht auf ihn und sage auch nichts - bis er sagt "Jaja - is ja schon gut." Und ich nur erwidere "Arsch Huh - Zäng usenander - kennst Du doch auch ?!!!" Vom wem ist das nochmal? Zeltinger .... fällt mir dazu ein - lebt sogar noch.
"Wie heißt Du nochmal" fragt er vor seiner nächsten Kneipenstation. Ich antworte "Ejaaaaaa!" Jenau - esu heiß isch ooch ... sät he. Un mir laache zesamme - dat es ooch jot.
Ein goldener "Sessionsauftakt" heute. Etwa 80 Prozent der Kundschaft - nüchtern. Die anderen 20 % bis auf einen unerträglichen Klugscheißer, den ich auch nüchtern nicht mögen würde, völlig in Ordnung. Dieser kommt mit "Frauchen" (s.u.) und Kumpel auf mich zu - ich sammel einfach die Leute beim Fahren ein und stelle mich erst gar nicht mehr irgendwo an einen Halteplatz, klappt prima - und will mich sofort sinnfrei runterhandeln im Preis. Ich meine "Ne, keine Chance. Ich bin Billiglöhnerin und gehöre zum Prekariat - da geht gar nichts bei mir." Aber ein Kollege hätte schon mal. Und Navi anwerfen - auweia - ob wir nix mehr lernen würden ..... blablabla. Einer von den vielen, die sicher viel besser Taxi fahren können, als ich. Vermutlich geht er auch zu Rechtsanwälten und fängt erst mal an, über deren Salär zu verhandeln - und erzählt ihnen dann, daß sie nichts von ihrem Job verstehen, weil sie in einem Gesetzestext nachblättern. Ein echter Weltmeister - früher hätte ich mich mal über solche Leute aufgeregt. Heute prallt der gegen Granit. Und sein Kumpel sitzt neben mir - der ist sehr moderat und schlichtet sofort. Beim Aussteigen läßt die Perle des Klugscheißers noch extra ihren Spruch ab "Wir haben ja mehr als genug Geld ....". Während der Fahrt erzählt der Klugscheißer, daß er sich einen neuen 3er BMW kaufen will - und sie sagt zu ihm, er solle doch einen Kleinwagen "für sein Frauchen" bei der Verhandlung mit herausschlagen. Der Dritte im Bunde sitzt ruhig neben mir und scheint wirklich erdig. Hat aber scheinbar - die falschen Freunde. Abschiede - können auch sehr schön sein - nicht nur im Limousinen-Gewerbe.
Am Vormittag fahre ich die noch nüchternen zu ihren Wunschzielen. Dann ruft mich jemand an .... eine Frau Soundso - ob ich sie um 14 Uhr abholen könne, sie wolle nach Porz - und wieder zurück. Ich muß mich sortieren, habe keine Ahnung, wer das ist. Ja sicher - mache ich gerne ... dann klingelt´s bei mir, ich erinnere mich an sie und sage "Ja, jetzt weiß ich wieder, Sie sind das. Alles klar, bis später - ich bin da." Freue mich. Sie wird dort ihren behinderten Sohn besuchen - ich werde eine Weile vor der Tür warten oder spazierengehen - und sie dann wieder nach Hause bringen. Sie ist - ein wenig "schräg" - und ich mag sie. Neulich hat sie versehentlich beim Nüsseknacken ihr Hörgerät gleich mitgeknackt .... Zu Nikolaus will sie wieder fahren und wird sich bei mir melden. Fein.
Heute - machen wir eine Art "Kurzurlaub" - und genießen die milde Novembersonne und die letzten golden schimmernden Blätter der Bäume am Wegesrand und den strahlend blauen Himmel mit fliegenden weißen Wolken.
Am frühen Abend - bremse ich erstmals wieder in einem Vorort ein - habe gerade keine Lust, die Leichen in der Stadt einzusammeln. Da treffe ich auf den Sangesbruder - siehe oben. Abschließend - fahre ich noch ein paar Leute - alle nüchtern, geht doch. Der letzte der Nüchternen ist ein junger Mann von 26, der mir zuwinkt, als ich gerade doch noch eine letzte "Einsammelrunde" mitten in der Kolonie drehe. Gerade als er einsteigen will - greifft eine andere Hand nach der Türklinke - ein sehr vollgesoffener, schwankender und unangenhmer Gesell. Der junge Mann meint - nein, er wäre zuerst dran. Ich unterstütze ihn zügig und winke dem Schwankenden ab, indem ich auf den jungen Mann zeige. Sah von Weitem schon, daß dieser nüchtern ist. Aber aufgelöst ist er. Kommt gerade aus der größten U-Bahn-Station der Kolonie - und wurde dort aggressiv von einem Irren gegen das Schienbein getreten. Da unten wäre gerade "Duisburg" angesagt - Hunderte von Menschen dichtgedrängt an den Bahnsteigen - und weit und breit weder die Aufsicht der Verkehrsbetriebe noch irgendwelche Polizei. Ausnahmezustand. Oben hat ihm die Polizei auch nicht weiterhelfen wollen, sondern blöd angemacht. Aber wenn dann jemand auf die Schienen fallen würde - wäre die Aufregung wieder groß. Da hat er wohl recht.
Mein Fahrgast ist DJ für elektronische Musik - und ich lerne was dazu. Er auch. Schließlich unterhalten wir uns über die erstaunliche Musik der 70er ... er kennt das alles von seinem Vater und findet das richtig gut. Kennt Jon Lord und "Deep Purple" - später solo - liebt "Parisienne Walkways" von Gary Moore und kennt sogar "Thin Lizzy" und Jethro Tull´s Epos "Thick as a brick" (the only magician ....). Findet Jazz und Latin-Jazz "interessant und spannend" ... da werden noch ein paar schöne Türen aufgehen für ihn - prophezeihe ich ihm einfach mal. Wir unterhalten uns auch über die "Irren" ... und er meint, als taxifahrende Frau wäre das wohl nicht so einfach, wenn zum Beispiel drei oder vier betrunkene Typen einsteigen. Ich relativiere das - denn ich bin ja nicht der Typ, den die Herren der Schöpfung "anmachen" würden. Im Gegenteil - das käme alle paar Jahre mal vor - geht schon.
Ja - aber die "Wahrscheinlichkeitsrate" sei einfach höher - wenn man täglich mit sovielen Fremden zu tun habe. Da hat er wohl recht, ich muß lachen. Und finde meine "Quote" mehr als in Ordnung. Den Tag auch!

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